Organspende: Den eigenen Willen rechtzeitig dokumentieren

ams-Interview mit Ärztin Dr. Eike Eymers

27.09.18 (ams). In Deutschland klafft eine große Lücke zwischen Organbedarf und -spende: Mehr als 10.000 schwerkranke Patientinnen und Patienten warten jedes Jahr auf ein Organ. Im Jahr 2017 gab es demgegenüber 797 Menschen, die nach ihrem Tod Organe gespendet haben, so die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO).

Eine Organ- oder Gewebespende kann kranken Menschen die Chance auf ein besseres Leben oder vermindertes Leiden ermöglichen. Doch viele Menschen sind unsicher, was es bedeutet, Spenderin oder Spender zu sein und welche Folgen das hat. Im Interview mit dem ams-Ratgeber gibt Dr. Eike Eymers, Ärztin im AOK-Bundesverband, Antworten auf die häufigsten Fragen.




Frau Dr. Eymers, wie dokumentiere ich meinen Willen für oder gegen eine Organspende?

Dr. Eymers: Der persönliche Wille kann in einem Organspendeausweis oder einer Patientenverfügung dokumentiert werden. Auf dem
Organspendeausweis kann "Ja" oder "Nein" angekreuzt werden oder eine Person benannt werden, die für Sie im Fall einer möglichen Organspende entscheiden soll. Sie können auch genau angeben, welche Organe Sie spenden wollen. Grundsätzlich gilt: Ohne Einwilligung dürfen keine Organe entnommen werden. Wer seine Meinung ändert, füllt einen neuen Ausweis aus und ändert dies entsprechend auch in der Patientenverfügung. In Deutschland gibt es kein zentrales Register, in dem die Bereitschaft zur Organspende registriert wird. Auch Krankenkassen, Behörden oder Ärzte dokumentieren nicht Ihren Willen für oder gegen eine Organspende. Wenn man zu Lebzeiten keine Entscheidung getroffen hat, werden im Todesfall die nächsten Angehörigen befragt. Dies ist für Angehörige sehr schwer. Deshalb ist es dringend ratsam, sich frühzeitig Gedanken über die Organ- und Gewebespende zu machen und mit den Angehörigen darüber zu sprechen.


Wo gibt es den Organspendeausweis?

Dr. Eymers: Bei Krankenkassen, der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung und der Deutschen Stiftung Organtransplantation können Organspendeausweise angefordert werden. Meist werden sie dort auch auf den jeweiligen Websites als PDF zum Download angeboten. Zudem sind sie in vielen Apotheken, Krankenhäusern und Arztpraxen erhältlich.


Was sind die Voraussetzungen für eine Organspende?

Dr. Eymers: Das ist im Transplantationsgesetz  geregelt: Erstens muss der irreversible Hirnfunktionsausfall, der sogenannte Hirntod, des möglichen Spenders festgestellt worden sein. Zweitens muss der Verstorbene in eine Organspende eingewilligt haben oder die Angehörigen müssen unter Beachtung des mutmaßlichen Willens einer Organentnahme zustimmen. Der irreversible Hirnfunktionsausfall ist definiert als Zustand der unwiederbringlich erloschenen Gesamtfunktion des Großhirns, des Kleinhirns und des Hirnstamms. Er kann zum Beispiel als Folge einer Hirnblutung, einer schweren Hirnverletzung oder eines Hirntumors eintreten. Eine Erholung vom Hirntod ist nicht möglich. Die entsprechende Untersuchung wird von zwei Fachärzten mit mehrjähriger Erfahrung in der Intensivbehandlung unabhängig voneinander durchgeführt. Mindestens einer der beiden muss Facharzt für Neurologie oder Neurochirurgie sein. Bestehen Zweifel, kann der Hirntod nicht festgestellt und damit kein Organ entnommen werden. Es ist übrigens nicht nötig, sich ärztlich untersuchen zu lassen, bevor man sich zur Organspende bereit erklärt. Die medizinische Eignung für eine Transplantation wird erst nach dem festgestellten Hirntod geprüft. Auch Organe älterer Spender können erfolgreich transplantiert werden und Leben verlängern.
 

Werde ich bei Krankheit oder Unfall noch optimal versorgt, wenn ich meine Bereitschaft zur Organspende, etwa im Organspendeausweis, erklärt habe?

Dr. Eymers: Alle Bemühungen der Notärzte, Rettungsteams und der Intensivmediziner sind allein darauf ausgerichtet, im Falle eines Unfalls oder einer schweren Erkrankung das Leben des Patienten zu retten. Manchmal kommt die ärztliche Hilfe aber zu spät und der Mensch kann nicht mehr gerettet werden. Die Frage der Organspende stellt sich jedoch erst, wenn der Hirntod diagnostiziert worden ist.


Wie funktioniert das mit der Transplantation und welche Organe werden übertragen?

Dr. Eymers: Die Vergabe von Spenderorganen erfolgt nach im Transplantationsgesetz festgelegten Kriterien wie Dringlichkeit und Erfolgsaussicht. Alle Menschen werden gleichbehandelt, der Versichertenstatus spielt keine Rolle. Koordiniert wird die postmortale Organspende hierzulande durch die Deutsche Stiftung Organtransplanation (DSO). Für die Vergabe der Organe ist die Vermittlungsstelle Eurotransplant mit Sitz in den Niederlanden zuständig, sie führt die Wartelisten der Patienten. Am Vergabeverfahren können nur Patienten teilnehmen, die dort gemeldet sind. Die Kosten für die Transplantation übernimmt die Krankenversicherung des Empfängers. Transplantierbare Organe sind Nieren, Leber, Lunge, Herz, Bauchspeicheldrüse und Dünndarm. 2017 wurden hierzulande zum Beispiel 1.364 Nieren, 760 Lebern, 309 Lungen und 257 Herzen transplantiert.


Was bedeutet eine Gewebespende?

 Dr. Eymers: Nach dem Tod kanne auch Gewebe gespendet werden, beispielweise Augenhornhäute, Knochen, Sehnen, Herzklappen und Blutgefäße. Für eine Gewebespende gelten andere gesetzliche Regelungen und Bedingungen als für die Organspende. Auf dem Organspendeausweis wird der Wille für oder gegen eine Spende von Organen und Geweben gemeinsam im gleichen Ankreuzfeld dokumentiert. Wer nur in eines von beidem einwilligen möchte, muss das andere aktiv durchstreichen beziehungsweise benennen.


Welche Erfolgsaussichten haben Organübertragungen?

Dr. Eymers: Die Erfolgsaussicht wird daran gemessen, ob ein transplantiertes Organ funktioniert und vom Empfänger nicht abgestoßen wird. In Deutschland funktionieren beispielsweise fast 90 Prozent der transplantierten Nieren noch nach einem Jahr, nach fünf Jahren sind es etwa 75 Prozent. Fast 80 Prozent der transplantierten Herzen sind nach einem Jahr noch funktionsfähig. Nach fünf Jahren sind es 65 bis 70 Prozent.