(K)einmal täglich: Warum Therapietreue wichtig ist

ams-Serie "Patientenwissen“ (11)

22.11.18 (ams). Stellt ein Arzt ein Rezept aus, ist noch lange nicht gesagt, dass der Patient sich auch an die ärztlichen Empfehlungen hält. Wenn Patient und Arzt sich allerdings gemeinsam für eine bestimmte Therapie entscheiden, macht der Patient zumeist besser mit. Und je größer die sogenannte Therapietreue des Patienten ist, desto höher sind die Heilungschancen.

Es gibt viele Gründe, weshalb Patienten den ärztlichen Empfehlungen nicht folgen: Dem einen graust vor der langen Liste der Nebenwirkungen. Ein anderer nimmt die Tabletten ein paar Tage, verspürt aber keinen Effekt. Oder die Beschwerden verschwinden unter dem Medikament, sodass der Patient es frühzeitig absetzt. Andere wiederum vergessen die Einnahme immer wieder, sind mit mehreren Medikamenten überfordert oder lösen das Rezept erst gar nicht ein.

"Vielleicht fühlen sich die Patienten nach Absetzen der Arznei zunächst einmal besser, weil die Nebenwirkungen ausbleiben", sagt Dr. Eike Eymers, Ärztin im AOK-Bundesverband. "Doch gerade bei chronischen Erkrankungen machen sich die Folgen oft erst nach Monaten oder Jahren bemerkbar."


Sendefertige Radio-O-Töne mit Dr. Eike Eymers, Ärztin im AOK-Bundesverband

Adhärenz ist wichtig für den Behandlungserfolg

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Warum Patienten der Therapie nicht treu bleiben

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TIPPS FÜR EINE SICHERE THERAPIE

  • Nicht eigenmächtig handeln. Medikamente nicht auf eigene Faust absetzen. Immer Rücksprache mit dem Arzt halten.
  • Vertrauensvoll kommunizieren. Mit dem Arzt offen über Ängste und Probleme sprechen. Dabei Vorwürfe vermeiden, besser Ich-Botschaften senden, zum Beispiel: „Ich habe das Gefühl, da läuft was schief.“
  • Eine gute Arztpraxis finden. Zeigt der Arzt kein Verständnis, geht nicht auf die Wünsche des Patienten ein, vernachlässigt Aufklärung und Information, ist es ratsam, die Arztpraxis zu wechseln.
  • Für eine bessere Übersicht. Nehmen Patienten mehrere Medikamente ein, behalten Arzt und Patient den Überblick mit einer Liste aller eingenommenen Medikamente. Auch frei verkäufliche Mittel sollten aufgeführt sein.
  • Tablettenbox verwenden. Damit keine Tablette vergessen oder doppelt eingenommen wird: Die Fächer einer Pillenbox können mit den jeweiligen Tabletten befüllt werden, die morgens, mittags, abends oder zur Nacht genommen werden müssen.

Konzepte konsequent umsetzen

Deswegen ist mangelnde Therapietreue besonders bei chronisch kranken Menschen ein Problem, die oft lebenslang Tabletten schlucken müssen. Oder vielmehr: müssten. Nach Angaben der Deutschen Rheuma-Liga nimmt etwa ein Drittel bis die Hälfte der chronisch kranken Patienten Medikamente nicht so ein, wie der Arzt diese verordnet. Doch Tabletten und Therapiekonzepte können nicht wirken, wenn sie nicht regelmäßig eingenommen beziehungsweise konsequent umgesetzt werden. Zum Beispiel ist es bei Rheuma gut untersucht, dass Patienten mittel- und langfristig mit mehr Schmerzen und Schäden an den Gelenken rechnen müssen, wenn sie die verordneten Medikamente nicht einnehmen. Ein anderes Beispiel sind Bluthochdruckmittel, die erwiesenermaßen vor langfristigen Folgen wie Herzinfarkt, Schlaganfall oder Nierenschäden schützen.

Ein weiteres Problem: Die wenigsten Patientinnen und Patienten berichten ihrem Arzt, dass sie das Medikament eigenmächtig abgesetzt oder die Dosis verändert haben. So fällt der Arzt Entscheidungen, die auf falschen Annahmen beruhen. Er ordnet vielleicht weitere (vermeidbare) Untersuchungen und weitere (überflüssige) Medikamente an, weil zum Beispiel der Blutdruck nicht gesunken ist. Natürlich hat jeder Patient das Recht zu beschließen, dass er mit den Nebenwirkungen eines Medikaments nicht klarkommt oder nicht klarkommen will. Doch sollten Patienten unbedingt ihren Arzt darüber informieren und ihre Bedenken und Ängste äußern, rät Ärztin Eymers. Oft lassen sich Alternativen finden: Ein anderes Medikament, eine andere Dosierung oder eine andere Wirkstoffkombination kann häufig Abhilfe schaffen. Studien zeigen: Wenn Patienten ihre Wünsche und Erfahrungen in die Therapieentscheidung mit einbringen können, erhöht sich die Bereitschaft zur Kooperation. Und damit verbessern sich die Therapieerfolge.

Um gemeinsam mit dem Arzt eine Entscheidung treffen zu können, sollten Patienten sich gut informieren. Dazu gehören die Auskünfte beim ärztlichen Aufklärungsgespräch genauso sowie aktives Nachfragen durch den Patienten. Zudem sollten Kontrollbesuche beim Arzt vereinbart werden, um zu überprüfen, wie sich die Krankheit entwickelt.

VERÄNDERTES ROLLENVERSTÄNDNIS

Für Therapietreue werden oft auch die Begriffe Compliance und Adhärenz synonym verwendet, was nicht ganz korrekt ist. Gute Compliance in der Medizin bedeutet konsequentes Befolgen der ärztlichen Ratschläge. Adhärenz geht weiter und meint, dass der mit dem Therapeuten vereinbarte Behandlungsplan konsequent befolgt wird. Hier ist ein Gespräch auf Augenhöhe das Ziel. Fühlten sich Patienten früher oftmals wie passive Empfänger ärztlicher Anweisungen, haben sich die Rollen inzwischen verändert. Dabei sollte nicht bestritten werden, dass ein Mediziner mehr Fachwissen hat. Doch der Patient kennt seinen Körper, seine Bedürfnisse und Ängste, seinen Alltag und Lebensstil. Der Begriff "Adhärenz“ (von lat. adhaerere = anhängen) soll dem veränderten Rollenverständnis Rechnung tragen.

Sachliche Informationen suchen

Wer weitere Informationen sucht, kann dies etwa im Internet, mithilfe von Broschüren oder auch einer Selbsthilfegruppe tun. Seriöse Angebote machen beispielsweise das Institut für Wirtschaftlichkeit und Qualität im Gesundheitswesen oder die Stiftung Warentest. Auch die AOK-Faktenboxen  informieren sachlich über viele medizinische Fragen. Für viele chronische Erkrankungen gibt es im Rahmen von Disease-Management-Programmen Schulungen, in denen die Patienten alles über Ursachen und Therapie ihrer Erkrankung erfahren und üben, wie sie die oft komplexen Anforderungen in ihren Alltag einbauen können. Denn geht es um Veränderungen des Lebensstils, fällt es vielen Menschen ebenfalls schwer, die ärztlichen Empfehlungen umzusetzen. Doch sich gesünder zu ernähren, sich mehr zu bewegen, das Rauchen aufzugeben und Stress abzubauen, das ist die Basis der Therapie vieler chronischer Krankheiten, sei es Bluthochdruck, Herzschwäche, Diabetes oder Rheuma. Wer ein vertrauensvolles Verhältnis zu seiner Ärztin beziehungsweise seinem Arzt hat und die Entscheidung gerne ihr oder ihm überlassen möchte, kann auch das guten Gewissens tun. Vor allem für ältere oder schwer erkrankte Menschen kann das ein guter Weg sein.


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