Selbstzahlerleistungen beim Arzt: Gut informiert entscheiden

ams-Serie „Patientenwissen“ (12)

20.12.18 (ams). Die Messung des Augeninnendrucks, ein Ultraschall der Eierstöcke oder die Stoßwellentherapie beim Tennisarm - in Arztpraxen gibt es Hunderte von sogenannten Individuellen Gesundheitsleistungen, kurz: IGeL. Um sie zu bezahlen, müssen Patienten in die eigene Tasche greifen. Wenn sie es denn wollen. Und das sollten sie sich vorher gut überlegen.

Beim Augenarzt: Gleich am Empfang bekommt die Patientin ein Formular in die Hand gedrückt, das sie unterschreiben soll. Es geht um die Früherkennung des Grünen Stars (medizinisch Glaukom) - "eine wichtige Zusatzleistung, die die Krankenkasse aber nicht übernimmt", wie die medizinische Fachangestellte am Tresen betont. Die Patientin wundert sich: Sie ist doch eigentlich wegen eines ganz anderen Problems gekommen und möchte eigentlich nicht unterschreiben. Was hier nur im Film der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen  passiert, erleben viele Patienten beim Arzt tatsächlich. Ihnen werden von der Arzthelferin oder vom Arzt - oft ungefragt - sogenannte Individuelle Gesundheitsleistungen angeboten. IGeL, das sind medizinische Leistungen, die privat bezahlt werden müssen. "Individuelle Gesundheitsleistungen gehören nicht zum Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen, weil ihr medizinischer Nutzen nicht oder noch nicht ausreichend belegt ist", sagt Thomas Ebel, Arzt beim AOK-Bundesverband. Nehmen Patienten diese Leistungen in Anspruch, bekommen sie unzureichend geprüfte und im schlimmsten Fall risikoreiche oder nutzlose Leistungen, für die sie auch noch die Kosten tragen müssen. Um die Vielzahl an Selbstzahler-Angeboten besser zu überblicken und einschätzen zu können, können Interessierte den IGeL-Monitor nutzen, ein Internetportal des Medizinischen Dienstes des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen e. V. (MDS).

Beispiel: Ultraschall der Eierstöcke zur Krebsfrüherkennung

Etwa eine Milliarde Euro geben Versicherte jährlich in deutschen Arztpraxen für IGeL aus. Die meisten IGeL-Leistungen bieten Frauenärzte an - laut IGeL-Monitor ist es jede dritte. Am häufigsten ist der Ultraschall der Eierstöcke zur Krebsfrüherkennung, der zwischen 25 und 53 Euro kostet. Diese Leistung ist ein ideales Beispiel dafür, dass IGeL nicht nur keinen Nutzen haben, sondern auch erheblichen Schaden anrichten können. Ein auffälliger Befund bei dieser Ultraschalluntersuchung stellt sich fast immer als Fehlalarm heraus, der mit unnötigen Ängsten und Folgeuntersuchungen verbunden ist. Doch damit nicht genug: Bei jedem dritten Fehlalarm wurde sogar der verdächtige Eierstock unnötigerweise entfernt, was nicht selten schwere Nebenwirkungen wie Infektionen oder chirurgische Komplikationen zur Folge hatte. Diese Daten basieren hauptsächlich auf einer großen Studie mit 35.000 Frauen, in der sich überraschenderweise zeigte: Ohne Früherkennung starben weniger Frauen an Eierstockkrebs. Es gibt also keinerlei Überlebensvorteil oder Nutzen, dagegen ist der Test mit erheblichen Risiken verbunden.

Beispiel: Glaukom-Früherkennung

Auch die Augeninnendruckmessung zur Glaukom-Früherkennung (Grüner Star) beim Augenarzt ist eine sehr häufige Individuelle Gesundheitsleistung, die von Experten des IGeL-Monitors als negativ oder tendenziell negativ bewertet wird. Der Wunsch, ein Glaukom so früh wie möglich zu erkennen, ist verständlich. Denn es schädigt den Sehnerv, bis die Patienten erblinden. Das Glaukom macht sich allerdings erst bemerkbar, wenn das Gesichtsfeld schon deutlich eingeschränkt und der Sehnerv schon schwer beschädigt ist. Doch wie aussagekräftig ist eine Messung des Augeninnendrucks? Laut IGeL-Monitor so gut wie gar nicht: Die Hälfte der Glaukom-Patienten hat keinen erhöhten Augeninnendruck. Und die meisten Patienten mit einem erhöhten Druck bekommen kein Glaukom. Es gibt also keine Hinweise, dass die alleinige Messung des Augeninnendrucks irgendeinen Nutzen bringt. Dennoch "igeln" viele Augenärzte mit diesem Test, Patienten müssen dafür zwischen 10 und 22 Euro hinlegen.

  Darauf sollten Versicherte achten

  • Bin ich ausreichend und sachlich vom Arzt beraten worden? Hat er mich über Nutzen und Risiken informiert? Lässt er auch Nachfragen zu?
  • Bin ich frei in meiner Entscheidung? In keinem Fall darf die Zusage zu einer IGeL die Bedingung für eine weitere Behandlung sein. Falls das der Fall sein sollte, sollten Patienten ihre Krankenkasse oder die zuständige Ärztekammer informieren.
  • Vor der Inanspruchnahme von IGeL muss ein schriftlicher Vertrag abgeschlossen worden sein. Besteht kein solcher Behandlungsvertrag, ist der Patient dazu berechtigt, die Zahlung der Leistung zu verweigern.
  • Hat der Arzt eine nachvollziehbare Rechnung geschrieben? Die Kosten für eine IGeL können Patienten als außergewöhnliche Belastung bei der Steuererklärung anführen.

Nicht in jedem Fall für Patienten sinnlos

Übrigens: Sind Untersuchungen aus medizinischen Gründen nötig, werden sie auch von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt. So kann bei einem Diabetes-Patienten die Augen-
innendruckmessung notwendig sein oder der Eierstock-Ultraschall bei einer Risikopatientin. 

Doch nicht in jedem Fall sind IGeL für die Patienten sinnlos. So sollten sich Patienten vor Fernreisen beraten und impfen lassen. Da diese Leistung ausschließlich mit ihrer eigenen Lebensgestaltung zu tun hat und keine Krankheitsbehandlung ist, müssen Patienten dafür in die eigene Tasche greifen. Auch die Entfernung von Tattoos, eine kosmetische Operation oder ein Tauglichkeitstest fürs Fallschirmspringen kann für einen Patienten wichtig sein. Weil diese Leistungen aber nicht medizinisch notwendig sind, übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten in der Regel nicht. Über die Vor- und Nachteile einer Untersuchung oder die Frage nach der medizinischen Notwendigkeit sollten Patient und Arzt in aller Ruhe gemeinsam sprechen. Wichtig ist, sich nicht unter Druck setzen zu lassen. Ob sich Patienten für oder gegen eine Individuelle Gesundheitsleistung entscheiden, ist allein ihre Angelegenheit. "Wenn Patienten eine IGeL empfohlen wird, sollten sie sich Bedenkzeit erbeten", rät AOK-Experte Ebel. "Denn eine IGeL ist niemals dringend."


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