Cannabis als Medizin: Nutzen nicht eindeutig belegt

Hohe Heilserwartungen an Hanf

23.05.19 (ams). Schwerkranke Patientinnen und Patienten in Deutschland haben seit März 2017 Anspruch auf die Versorgung mit cannabishaltigen Arzneimitteln (gewonnen aus der Hanfpflanze), die sie sich von ihrem Arzt oder ihrer Ärztin verschreiben lassen müssen. Seither sind die Heilserwartungen an Hanf hoch: Ärzte, Apotheken und Krankenkassen erleben eine ungebrochen hohe Nachfrage. Für einen breiten Einsatz von Cannabis mangelt es jedoch nach wie vor an Belegen zur Wirksamkeit und Sicherheit. Daher mahnt Tobias Lindner, Apotheker im AOK-Bundesverband, zur Vorsicht. Wenn von Cannabis als Medikament die Rede ist, geht es um getrocknete Cannabisblüten oder Cannabisextrakt sowie cannabishaltige Fertigarzneimittel aus der Apotheke. Im Jahr 2018 wurden laut einer Statistik des Marktforschungsinstituts IQVIA rund 142.000 Kassenrezepte über Cannabisarzneimittel in Deutschlands Apotheken eingereicht. Danach hat sich die Anzahl der GKV-Rezepte über Cannabis-Präparate in den Monaten März bis Dezember 2018 gegenüber dem Vorjahr um einen niedrigen dreistelligen Bereich erhöht. Allein bei den AOKs gingen bis Anfang 2019 bundesweit knapp 19.000 Anträge ein.

Kaum Studien zur Langzeitwirkung

Auch vor 2017 konnte Medizincannabis legal von der Apotheke bezogen werden - allerdings nur mit Sondergenehmigung der Bundesopiumstelle. Die bisherigen Therapie- und Verschreibungsmöglichkeiten für die Fertigarzneimittel Sativex® und Canemes®, die beide cannabishaltig sind, bestehen auch weiterhin. Die Verwendung von Cannabis zu medizinischen Zwecken hat eine lange Geschichte - vor allem in Indien und Ländern des Mittleren Ostens. Der Nutzen ist jedoch nicht eindeutig belegt. Nach einer Recherche der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) liegen akzeptable wissenschaftliche Erkenntnisse bislang nur für die begleitende Behandlung von Spastiken, Übelkeit und Erbrechen durch Zytostatika sowie chronische Schmerzen vor. Eine mögliche Wirksamkeit wird für Appetitlosigkeit und Gewichtsverlust bei HIV-AIDS, Schizophrenie, Morbus Parkinson, Tourette-Syndrom, Epilepsie, Kopfschmerzen sowie chronisch entzündlichen Darmerkrankungen diskutiert. Medizinische Fachgesellschaften und Fachverbände sehen den Einsatz von Cannabis eher skeptisch: Sie kritisieren, dass es bisher kaum Studien zur Langzeitwirkung und keine zugelassenen Anwendungsgebiete für Cannabisblüten und -extrakte gibt. Auch sei die Häufigkeit von Risiken noch nicht erfasst. Anders als normalerweise üblich, hat der Gesetzgeber cannabishaltige Arzneimittel als Therapeutikum eingeführt, ohne dass es zuvor eine reguläre Prüfung gab. "Cannabis ist damit kein Medikament wie jedes andere. Eine Cannabistherapie ist vor allem schwerkranken, austherapierten Patientinnen und Patienten vorbehalten", sagt AOK-Experte Lindner. Denn Voraussetzung für die Verordnung ist, dass es keine allgemein anerkannte, dem medizinischen Standard entsprechende Therapie gibt oder diese bei dem Erkrankten nicht angewendet werden kann (beispielsweise durch Unverträglichkeiten) - und dass Aussicht auf eine spürbare positive Einwirkung auf den Krankheitsverlauf oder auf schwerwiegende Symptome besteht. "Das bedeutet, dass ein Arzt einem Schmerzpatienten Cannabis verordnen kann, wenn die medizinisch etablierten Opioidschmerztherapien ausgeschöpft sind und nicht oder nicht ausreichend wirken oder starke Nebenwirkungen eintreten. Und wenn der Arzt der Ansicht ist, dass die Cannabistherapie dem Patienten helfen kann", erklärt Lindner. Die Entscheidung, ob eine Cannabistherapie einen Versuch wert ist, kann nur der behandelnde Arzt treffen. Der Patient muss dann bei seiner gesetzlichen Krankenkasse eine Übernahme der Behandlungskosten beantragen. Über den Antrag muss die Kasse spätestens nach drei Wochen ab Antragseingang entschieden haben. Wird der Medizinische Dienst eingeschaltet, verlängert sich diese Frist auf bis zu fünf Wochen. Stimmt die Krankenkasse zu, übernimmt sie die Kosten der Therapie. Im Rahmen der spezialisierten ambulanten Palliativversorgung muss die Krankenkasse innerhalb von drei Tagen über den Antrag entscheiden.

Begleiterhebung über fünf Jahre

Das "Gesetz zur Änderung betäubungsmittelrechtlicher und anderer Vorschriften" sieht pro Patient monatliche Behandlungskosten von durchschnittlich 540 Euro vor, bei besonders hohem Tagesbedarf können sie bis zu 1.800 Euro betragen. Derzeit können Cannabisblüten nur aus dem Ausland importiert werden. Künftig soll Medizincannabis auch in Deutschland angebaut werden. Da für viele Krankheitsbilder noch keine ausreichenden Forschungsergebnisse zum Nutzen und zur Wirkung einer Behandlung mit cannabishaltigen Arzneimitteln vorliegen, sammelt das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte im Rahmen einer ärztlicherseits durchzuführenden Begleiterhebung über fünf Jahre anonymisierte Daten, um über die Wirkung von Cannabis als Medizin weitere Erkenntnisse zu erlangen. Dass die Pflanze auch als Rauschgift wirkt, ist bekannt. Seit den 1970er Jahren hat sich Cannabis in Deutschland zu der am häufigsten konsumierten psychoaktiven Substanz nach Alkohol und Tabak entwickelt. Der Besitz von Cannabis für den Eigenbedarf kann strafrechtliche Konsequenzen nach sich ziehen, Anbau und Handel sind ohne behördliche Genehmigung verboten.


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ams-Ratgeber 05/19