"Patienten in Deutschland brauchen sich keine Brexit-Sorgen zu machen"

Drei Fragen an den AOK-Europaexperten Evert Jan van Lente

25.06.19 (ams) Spätestens am 31. Oktober verlässt das Vereinigte Königreich die Europäische Union (EU). Pharmaverbände warnen vor Medikamenten-Engpässen für den Fall eines ungeregelten Austritts. Mit Blick auf Deutschland hält Evert Jan van Lente die Befürchtungen für übertrieben. Der Europaexperte ist seit 2013 Ständiger Vertreter der AOK-­Gemeinschaft in Brüssel.

Herr van Lente, müssen sich Patientinnen und Patienten hierzulande Sorgen machen, dass bei einem ungeregelten Brexit Medikamente nicht mehr zur Verfügung stehen?

Van Lente: Nein. In Deutschland und in den anderen EU-Ländern dürfte es selbst bei einem ungeregelten Austritt Großbritanniens keine Versorgungsprobleme geben. Das zuständige Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte hat die möglichen Risiken analysiert. Die Auswertung hat ergeben, dass mit keinem Engpass bei Arzneimitteln zu rechnen ist, die auf einer Liste mit wichtigen Medikamenten stehen.

Was bedeutet denn ein "ungeregelter Brexit" für die Arzneimittelversorgung?

Van Lente: Ohne Brexit-Vertrag gelten rein britische Arzneimittelzulassungen bei uns nicht mehr. Sie dürfen dann nicht mehr in die EU geliefert werden. Doch solche Medikamente gibt es kaum noch. Alle neueren Arzneimittel sind von der EU-Arzneimittelagentur EMA genehmigt worden. Und bis auf ganz wenige Ausnahmen haben inzwischen auch Mittel mit einer älteren britischen Zulassung längst eine zusätzliche EU-Zulassung.

Warum warnen dann die Pharmahersteller vor Engpässen?

Van Lente: Weil ein ungeregelter Brexit viele Probleme verursachen und sehr teuer wird. Ohne Zollabkommen wird es auf beiden Seiten des Kanals wieder Grenzkontrollen mit langen Wartezeiten geben. Und alle EU-Arzneimittelzulassungen würden im Vereinigten Königreich ihre Gültigkeit verlieren. Die Hersteller müssten für alle Produkte, die sie dorthin liefern, die nationale Zulassung neu beantragen. Sorgen müssen sich daher die Briten selbst machen. Die Regierung in London hat schon vor einem Jahr die Pharmaunternehmen aufgefordert, Arzneimittel-Vorräte für mindestens sechs Wochen anzulegen.