Seltene Diagnose beim Mann: Brustkrebs ist nicht nur Frauensache

ams-Serie "Männergesundheit“ (9)

24.09.19 (ams). Männer als Patienten in der Frauenklinik? Da gucken Personal und Patientinnen schon mal erstaunt. Doch auch Männer können einen bösartigen Tumor in der Brust haben. Diagnose und Behandlung orientieren sich dann weitgehend an der Versorgung der weiblichen Erkrankten. Der Gedanke, dass es sich bei einem Knoten in der männlichen Brust um die vermeintliche Frauenkrankheit Brustkrebs handeln könnte, liegt vielen Männern und auch einigen Ärzten fern. "Deshalb wird bei Männern die Erkrankung oft später diagnostiziert als bei Frauen. Doch je früher Brustkrebs erkannt wird, desto besser stehen die Chancen auf Heilung", sagt Anja Debrodt, Ärztin beim AOK-Bundesverband. Hinzu kommt, dass es eine Brustkrebs-Früherkennung für Männer nicht gibt. Kein Wunder, denn Brustkrebs bei Männern kommt selten vor. Etwa 600 bis 700 Männer erkranken pro Jahr an Brustkrebs. Zum Vergleich: ein bösartiger Tumor in der Brust lässt sich bei rund 69.000 Frauen pro Jahr nachweisen.


Sendefertige Radio-O-Ton mit Anja Debrodt, Ärztin im AOK-Bundesverband

Hinweise auf Brustkrebs

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Warnzeichen 

  • einseitiger, harter, meist schmerzloser, nicht verschiebbarer Knoten in der Brust
  • einseitige Veränderungen der Brustwarze in Größe oder Form
  • Ausfluss der Brustwarze
  • Schorf oder dauerhafte Entzündung der Brustwarze
  • verhärtete oder vergrößerte Lymphknoten in der Achselhöhle

Auch bei Männern sind Milchgänge in der Brust angelegt. Bis zur Pubertät sind Mädchen und Jungen sogar "baugleich". Erst durch die weiblichen Sexualhormone reifen bei den Mädchen die Milchgänge weiter aus und es bilden sich die Drüsenläppchen, die Milch produzieren können. "Bei den Männern aber bleiben die rudimentär ausgebildeten Milchgänge erhalten, wo sich, insbesondere mit zunehmendem Alter, ein Brustkrebs entwickeln kann", sagt Medizinerin Debrodt. Und auch der männliche Organismus produziert das weibliche Hormon Östrogen - die meisten Brustkrebserkrankungen sind nämlich östrogenabhängig. Das weibliche Geschlechtshormon ist zwar bei Männern in weitaus geringeren Mengen vorhanden als bei Frauen, doch manche Männer haben einen vergleichsweise hohen Östrogenspiegel und damit ein höheres Risiko, an Brustkrebs zu erkranken. Starkes Übergewicht, Lebererkrankungen oder bestimmte Hodenerkrankungen in der Kindheit können die Ursache dafür sein oder auch das sogenannte Klinefelter-Syndrom, eine angeborene Chromosomenstörung bei Männern. Generell spielen bei der Entstehung von Brustkrebs auch die Erbanlagen eine Rolle: Etwa jede zehnte Brustkrebserkrankung beim Mann ist genetisch bedingt. Für Männer gilt also: Wenn in der Familie gehäuft Brust- oder auch Eierstockkrebs vorkommen, ist eine vererbte Belastung nicht auszuschließen. Betroffene Männer können sich in einem Zentrum für familiären Brustkrebs  beraten lassen. Neben den allgemeinen Risikofaktoren, die genauso für Frauen gelten - wie Alter, Übergewicht, Bewegungsmangel, Rauchen, hoher Alkoholkonsum - haben auch diejenigen Männer ein höheres Risiko, die Dopingmittel zur Leistungssteigerung und zum Muskelaufbau einnehmen, beispielsweise Testosteronpräparate, Anabolika oder Wachstumshormone.

Veränderungen abklären lassen

Ein harter, meist schmerzloser Knoten in einer Brust, der sich nicht verschieben lässt: Das ist bei Männern ein ernst zu nehmendes Warnzeichen. "Wenn sich die Brustwarze einzieht oder Flüssigkeit absondert, die klar oder blutig sein kann, sollten Männer einen Arzt aufsuchen", betont Ärztin Debrodt. Geschwollene oder verhärtete Lymphknoten in den Achselhöhlen können ein weiterer Hinweis sein.

Empfehlungen für Männer

  • Auch Männer sollten ihre Brust regelmäßig beim Duschen abtasten.
  • Stellen sie etwas Verdächtiges fest und scheuen sie den Gang in eine gynäkologische Praxis, sollten sich Männer zunächst an ihren Hausarzt, an einen Facharzt mit Zusatzbezeichnung Männerheilkunde (Andrologie) oder an einen Urologen wenden.
  • Für die ausführliche Untersuchung und die weitere Behandlung sind zertifizierte Brustkrebszentren wichtige Anlaufstellen. Hier erfolgt die Diagnose und Therapie nach aktuellen wissenschaftlichen Standards.
  • Brustkrebs bei Männern ist selten. Um sich mit Betroffenen austauschen zu können, hat sich das Netzwerk Männer mit Brustkrebs gegründet.

Doch nicht jede Veränderung an der Brust bedeutet gleich Brustkrebs. So schwillt die Brust bei männlichen Jugendlichen oder älteren Männern oft beidseitig an, meist in Folge von hormonellen Umstellungen - auch als "Männerbrust" oder Gynäkomastie bezeichnet. Bei tastbaren Knubbeln auf einer Seite kann es sich wie bei Frauen um Zysten oder gutartige Bindegewebswucherungen handeln. Doch das sollte abgeklärt werden. Bei Ausdauersportlern kann sich die Brustwarze zudem entzünden, wenn die Bekleidung in Verbindung mit Schweiß die Brustwarze ständig reizt, "Runners Nipple" wird dieses Phänomen genannt. 
Für die Diagnose - und die gegebenenfalls notwendige Behandlung - sollten Männer wie Frauen unbedingt ein zertifiziertes Brustzentrum aufzusuchen, das es in allen Bundesländern gibt. Eine Übersicht finden Betroffene unter www.oncomap.de. Diese spezialisierten Zentren sind inzwischen immer mehr darauf eingestellt, dass auch Männer betroffen sein können. Zur Abklärung eines verdächtigen Tastbefunds dienen bei Frauen wie Männern eine Ultraschalluntersuchung und eine Mammografie. Sicherheit, ob das Gewebe wirklich bösartig ist, gibt eine Biopsie, also die Gewebeentnahme. Auch die Therapie orientiert sich an der Versorgung weiblicher Erkrankter. Der erste Schritt der Behandlung besteht darin, den bösartigen Tumor zu entfernen. Weil bei Männern weniger Brustgewebe vorhanden ist, muss meist die gesamte Brust entfernt werden. Gegebenenfalls entnimmt der Chirurg auch befallene Lymphknoten. Die weitere Therapie hängt von Stadium und Eigenschaften des Tumors ab. Um einen Rückfall oder die Bildung von Metastasen zu verhindern, folgt der Operation meist eine Bestrahlung und/oder Chemotherapie. Weil auch bei Männern die Brustkrebszellen hormonabhängig wachsen, kommt oft eine antihormonelle Therapie in Frage. Ein neuer Ansatz ist die sogenannte Antikörpertherapie, bei der sich künstlich hergestellte Antikörper gezielt gegen die Tumorzellen richten. Bei Patientinnen mit entsprechender Eignung des Tumors ist diese Behandlung oft sehr effektiv. Auch Männern wird bei kompatibler Tumorart eine Antikörpertherapie angeboten, auch wenn keine Studien speziell für Männer dazu vorliegen.

Betroffene wünschen sich mehr Informationen

Doch wie fühlen sich Männer in einer Behandlungswelt, die vollkommen auf Frauen eingestellt ist? Auf welche Hürden stoßen sie? Machen sie stigmatisierende Erfahrungen? Das hat die sogenannte N-MALE-Studie untersucht, ein Projekt unter der Federführung des Uniklinikums Bonn, gefördert von der Deutschen Krebshilfe. N steht dabei für das englische Wort „needs“, also Bedürfnisse, und MALE für männlich. Die Studie zeigt, dass Betroffene oft auf ein ganz praktisches Problem stoßen: Kann ich als Mann eine gynäkologische Praxis aufsuchen? An wen kann ich mich wenden? So berichteten die Befragten unter anderem davon, dass sie in Formularen oder versehentlich auch mündlich häufiger weiblich angesprochen werden und wünschten sich mehr Informationen für männliche Betroffene von Brustkrebs.

Weitere Informationen:
Der Krebsinformationsdienst beantwortet persönliche Fragen am Telefon oder per E-Mail: Tel. 0800 4203040 von 8 bis 20 Uhr, krebsinformationsdienst@dkfz.de.
 

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