Testosteron - Kein Mittel gegen Männer-Müdigkeit

ams-Serie "Männergesundheit" (10)

29.10.19 (ams). Schlafstörungen, Abgeschlagenheit, Rückgang der Muskelkraft, Erektionsstörungen und weniger Lust auf Sex - auch Männer haben Beschwerden, wenn sie die 50 überschreiten. Kommen auch sie in die Wechseljahre? Und hilft ihnen die Gabe von Testosteron, dem "Königshormon des Mannes"? Werbeversprechen und Forschungsergebnisse klaffen weit auseinander, was die Folgen von zusätzlichen Testosterongaben betrifft. Warum Testosteron kein Life-style-Medikament ist, was ein echter Testosteronmangel bedeutet und wie Männer den vermeintlichen Wechseljahresbeschwerden davonlaufen können, erklärt Thomas Ebel, Arzt im AOK-Bundesverband.

Testosteron steigert Lebensfreude und Aktivität! Reguliert Muskelaufbau und psychische Fitness! Sorgt für mehr Lust und Männlichkeit! Der Markt mit dem Männerhormon Testosteron boomt. Glaubt man den Werbeversprechen, scheint das Mittel ein wahrer Jungbrunnen für Männer ab 50 zu sein und bekämpft erfolgreich Altersbeschwerden wie Schlafstörungen, Abgeschlagenheit, Rückgang der Muskelkraft, Erektionsstörungen und weniger Lust auf Sex. In den USA hat sich die Zahl der Anwender von Testosteron innerhalb von drei Jahren verdoppelt. Dort wird das Phänomen unter dem Begriff "Low T" vermarktet, sogenannte Low-T-Center haben sich auf die Testosteronbehandlung älterer Männer spezialisiert. Auch in Deutschland nehmen die Verschreibungszahlen von Testosteronpräparaten zu: Laut Arzneiverordnungs-Report 2019 hat sich das Verordnungsvolumen seit 2004 fast vervierfacht.


Sendefertige Radio-O-Töne mit Thomas Ebel, Arzt im AOK-Bundesverband

Nicht belegt, dass Testosteron bei Altersbeschwerden hilft

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Risiken überwiegen den Nutzen

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Ein neues Krankheitsbild wurde geschaffen: die Wechseljahre des Mannes. Auch Andropause, Klimakterium virile, Aging-Male-Syndrom oder einfach nur Hormontief des Mannes genannt. "Doch die Wechseljahre analog zu denen der Frau gibt es bei Männern nicht", betont Thomas Ebel, Arzt im AOK-Bundesverband. "Und Belege für den Nutzen der Testosteronpräparate gegen Altersbeschwerden fehlen."

Normaler Alterungsprozess

Im Unterschied zu Frauen, bei denen mit der letzten Monatsblutung die Sexualhormone abrupt abfallen, geht bei Männern die Testosteronbildung ganz allmählich zurück: ab etwa einem Alter von 30 Jahren um ein bis zwei Prozent pro Jahr. "Das ist ein ganz normaler Alterungsprozess und die meisten Männer spüren davon nichts", sagt Mediziner Ebel. Auch können die unspezifischen Beschwerden wie weniger Leistungsfähigkeit, Schlafprobleme oder Libidoverlust viele Ursachen haben und auf Stress zurückzuführen sein oder auf Erkrankungen wie Herz-Kreislauf-Krankheiten oder Störungen der Schilddrüse. Zudem haben Männer mit recht niedrigen Testosteronwerten oft keine Beschwerden und umgekehrt leiden Männer mit normalen Werten unter solchen Symptomen. Kurz: Ein ursächlicher Zusammenhang zwischen bestimmten Beschwerden und niedrigen Testosteronwerten ist wissenschaftlich nicht belegt. Auch die Effekte der Hormonpräparate - als Kapseln, Spritze, Pflaster, Gel oder Lösungen zum Auftragen auf die Haut - sind bislang nicht bewiesen. Studien konnten bisher weder zeigen, dass das vermeintliche Powerhormon die Gesundheit im Alter verbessert oder die körperliche und geistige Fitness erhöht, noch dass es das Sexualleben ankurbelt.

LAUFEN GEHEN STATT WERT BESTIMMEN

  • Wenn ein Mann keine Beschwerden hat, ist die Bestimmung des Testosteronwerts nicht sinnvoll.
  • Bei starken Beschwerden und niedrigem Testosteronwert kommen Testosteronmittel möglicherweise infrage - doch nur unter medizinischer Kontrolle. Es ist jedoch zu bedenken, dass es keine allgemeingültigen Testosterongrenzwerte gibt und Langzeitstudien zu Nutzen und Risiken der Präparate fehlen.
  • Eine gesunde Lebensführung ist das beste Anti-Aging-Mittel, also Verzicht auf Nikotin und übermäßigen Alkoholkonsum, gesunde Ernährung, viel Bewegung und gutes Stressmanagement.
  • Mit diesen Maßnahmen lassen sich möglicherweise auch Erektionsstörungen in den Griff bekommen, die hauptsächlich auf verengte Blutgefäße zurückgehen, und nicht auf einen Hormonmangel.

Viele Nebenwirkungen

Stattdessen müssen die Nutzer mit Nebenwirkungen rechnen, wie Thrombose-Gefahr, erhöhte Blutfettwerte, Kopfschmerzen, Prostatabeschwerden, Brustschwellungen, Stimmungsschwankungen oder Bluthochdruck. Weil das Verhältnis von Nutzen und Risiken bisher jedenfalls negativ ausfällt, sind Testosteronpräparate in Europa nicht für im Prinzip gesunde ältere Männer zugelassen, betont die europäische Arzneimittelagentur EMA (European Medicines Agency). Anders liegt der Fall bei einem ungewöhnlich niedrigen Testosteronspiegel, einem sogenannten Hypogonadismus, der die normale sexuelle Funktion und Entwicklung beeinträchtigt. "Ein behandlungsbedürftiger Testosteronmangel kann zum Beispiel bei Erkrankungen des Hodens oder einem Tumor in der Hirnanhangdrüse auftreten", sagt Ebel. Allerdings machen sich dann auch andere Beschwerden bemerkbar, etwa dass die Hoden schrumpfen, der Bart nicht stark wächst oder trotz ausreichender Bewegung die Muskelmasse schrumpft und das Körperfett zunimmt.

Gesunde Lebensweise kann Beschwerden lindern

Liegen diese speziellen Erkrankungen nicht vor, wirkt sportliche Aktivität schrumpfenden Muskeln und zunehmendem Körperfett entgegen. Außerdem kann Bewegung und überhaupt eine gesunde Lebensweise meistens auch die anderen Beschwerden lindern. Ganz nebenbei könnte dann auch der Testosteronspiegel steigen. Denn oft haben Männer, die gesund leben, höhere Testosteronwerte als Männer, die nicht auf ihre Gesundheit achten.
 

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