Jodmangel: Unterversorgung kann krank machen

Schleichender Prozess

19.12.19. (ams). Jod ist für die geistige und körperliche Entwicklung wichtig, vor allem bei Kindern. Jodmangel ist ein schleichender Prozess, der sich zunächst oft nicht bemerkbar macht. Doch auf lange Sicht kann Jodmangel Veränderungen oder Erkrankungen der Schilddrüse auslösen. Die Folgen reichen von Depressionen bis Konzentrationsstörungen. "Jod ist ein lebenswichtiges Spurenelement. Der Körper benötigt es unter anderem für die Bildung der Schilddrüsenhormone", sagt Dr. Julian Bleek, Arzt im AOK-Bundesverband. 

Lange Zeit war die Jodversorgung in Deutschland ausreichend. Doch eine aktuelle Untersuchung des Robert-Koch-Instituts (RKI) zeigt, dass Kinder und Jugendliche nicht mehr genügend Jod zu sich nehmen. Nach einer Definition der Weltgesundheitsorganisation sind Schulkinder dann ausreichend mit Jod versorgt, wenn die mittlere Jodausscheidung im Urin zwischen 100 und 199 Mikrogramm pro Liter liegt. In der aktuellen RKI-Studie lag die mittlere  Jodausscheidung bei Kindern und Jugendlichen jedoch nur bei 88,8 Mikrogramm pro Liter. Im Vergleich zum Jodmonitoring, das elf Jahre zuvor durchgeführt wurde, ist der Wert um 23 Prozent gesunken. Laut RKI ist das eine verhältnismäßig große Veränderung für einen einzelnen Nährstoff in einem relativ kurzen Zeitraum.

Empfohlene tägliche Zufuhr

Laut Deutscher Gesellschaft für Ernährung liegt die empfohlene tägliche Jodzufuhr von Kindern je nach Alter zwischen 100 und 200 Mikrogramm. Für Erwachsene sollten es etwa 200 Mikrogramm täglich sein. Schwangere und Stillende haben einen besonders hohen Jodbedarf (230 beziehungsweise 260 Mikrogramm pro Tag). Bekommt die Schilddrüse nicht genug Jod, kann sie nicht mehr ausreichend Hormone bilden. Sie versucht dann zunächst, dieses Defizit auszugleichen, indem sie sich vergrößert. In der Folge bildet sich ein Kropf, auch Struma genannt. Ab einer bestimmten Größe ist eine Struma auch von außen sichtbar und kann Beschwerden verursachen, zum Beispiel Probleme beim Schlucken oder ein pfeifendes Atemgeräusch. Der Verdacht auf eine Struma lässt sich mittels Tastuntersuchung und Ultraschall abklären.

Wenn die Schilddrüse trotz dieser Vergrößerung nicht mehr ausreichend Schilddrüsenhormone bilden kann, kommt es zu einer Schilddrüsenunterfunktion. Betroffene fühlen sich dann antriebslos und müde und beklagen einen körperlichen sowie geistigen Leistungsabfall. Weitere Symptome können sein:

  • Hautveränderungen (trockene, kühle, blassgelbe oder teigige Haut)
  • trockenes, brüchiges Haar
  • raue, heisere Stimme
  • Gewichtszunahme, Verstopfungsneigung
  • abnehmende Fruchtbarkeit und Potenz
  • langsamer Herzschlag

Sendefertige Radio-O-Töne mit Dr. Julian Bleek, Arzt im AOK-Bundesverband

Wenn die Schilddrüse nicht genug Jod bekommt

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Wenn die Schilddrüse nicht genug Hormone produzieren kann

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Da steckt viel Jod drin:

  • Meeresfische: Schellfisch enthält pro 100 Gramm etwa 74 Mikrogramm Jod, Hering hat bis zu 66 Mikrogramm Jod in sich und Krabben enthalten immer noch 34 Mikrogramm Jod pro 100 Gramm. Süßwasserfische enthalten dagegen kaum Jod.
  • Getreide: In 100 Gramm Roggenbrot stecken 8,5 Mikrogramm Jod.
  • Gemüse: 100 Gramm Spinat enthält 20 Mikrogramm Jod und 100 Gramm Radieschen haben acht Gramm Jod in sich.
  • Die Jodgehalte in der Milch schwanken zwischen minimal 20 Mikrogramm pro Liter Biomilch und bis zu 200 Mikrogramm pro Liter in konventioneller Milch.
  • Ein Hühnerei enthält etwa 9,7 Mikrogramm Jod pro 100 Gramm.

"Da eine Unterfunktion der Schilddrüse zu Beginn nur geringe Beschwerden hervorruft, wird sie häufig erst spät erkannt", sagt Mediziner Bleek. Bei Verdacht auf eine Unterfunktion kontrolliert die behandelnde Ärztin beziehungsweise der Arzt die Schilddrüsenwerte im Blut. Bei Kindern werden die Schilddrüsenwerte routinemäßig sowohl direkt nach der Geburt als auch in der Vorsorgeuntersuchung J1 zwischen dem 13. und 15. Lebensjahr ausgewertet.

"Da der Körper Jod nicht selbst bilden kann, muss es über die Nahrung aufgenommen werden", sagt Dr. Bleek. Er rät daher, beim Salzen Jodsalz zu verwenden. Schon fünf Gramm Jodsalz enthalten 100 Mikrogramm Jod. Ein Erwachsener hat am Tag genug Jod eingenommen, wenn er beispielsweise 200 Gramm Schellfisch isst oder sein Essen mit einer Prise Jodsalz würzt. Wenn der Bedarf an Jod nicht über die normale Ernährung abgedeckt werden kann, wird eine zusätzliche Einnahme von Jodtabletten empfohlen. Liegt eine Schilddrüsenunterfunktion vor, kann diese mit Schilddrüsenhormon-Tabletten behandelt werden.

Ob tatsächlich ein Jodmangel oder eine Unterfunktion der Schilddrüse vorliegt, sollte in jedem Fall ein Arzt klären. Denn umgekehrt gilt: Bei einer drohenden oder bereits bestehenden Schilddrüsenüberfunktion sollte der Patient die Jodzufuhr nach Möglichkeit drosseln und vor allem nicht noch zusätzliches Jod (zum Beispiel Jodtabletten) aufnehmen. Das Motto "Viel hilft viel" ist bei Jod also unangebracht.


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