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Wenn der Wetterumschwung aufs Wohlbefinden schlägt

Heute kühl, morgen schwül

Foto einer jungen Frau mit langen blonden Haaren. Sie sitzt vor einer Tafel mit gemalter Sonne, Wolke und verschiedenen Temperaturen und fasst sich leidend an den Kopf.

26.05.21 (ams). Auch in diesem Frühjahr gab es das schon: Von heute auf morgen fiel das Thermometer um mehr als zehn Grad. Besonders für chronisch kranke Menschen und solche, die empfindlich auf Wetterumschwünge reagieren, ist das körperlich extrem belastend. "Regelmäßige Bewegung, ausgewogene Ernährung das ganze Jahr über und ein paar Regeln für den 'Notfall' helfen, solche Tage gut zu überstehen", sagt Thomas Ebel, Arzt im AOK-Bundesverband.

Viele Menschen spüren Wetterwechsel schon Tage vorher in den Knochen oder an Narben, andere bekommen Kopfschmerzen, sind müde, erschöpft und oder in schlechter Stimmung. Über Wetterfühligkeit klagt die Hälfte der Bevölkerung in Deutschland, so eine vom Deutschen Wetterdienst im Auftrag des Umweltbundesamtes durchgeführte Studie. Doch im Umfeld von Betroffenen wird Wetterfühligkeit häufig als Überempfindlichkeit abgetan. Dabei belasten extreme Temperaturwechsel und die Luftdruckveränderungen den Körper tatsächlich enorm: An heißen Tagen arbeitet das Herz-Kreislauf-System auf Hochtouren, um den Körper zu kühlen. Das gilt auch nachts. Fallen die Temperaturen, schaltet er wieder zurück. "Der Körper passt sich immer den aktuellen Herausforderungen an. Das kann Schwerstarbeit für ihn sein. Kommt er so schnell nicht mit, kann es zu Kreislaufproblemen kommen", sagt Ebel und ergänzt: "Viele nationale und internationale Studien belegen einen Einfluss des Wetters auf das Wohlbefinden und die Gesundheit."


Radio-O-Töne von Thomas Ebel, Arzt im AOK-Bundesverband

Wetterwechsel

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Kreislauf trainieren

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Aktivitäten anpassen

Besonders zu kämpfen haben bei extremen und kurzfristigen Wetterumschwüngen Menschen, die ohnehin schon unter Herz-Kreislauf-Erkrankungen leiden. Ähnlich geht es Patientinnen und Patienten mit Diabetes, Asthma, Rheuma und Migräne. Diabetikern fällt es beispielsweise dann häufig schwerer, ihre Insulinmenge zu bestimmen. Rheumatiker können vermehrt Schübe bekommen. „Wer weiß, dass er sensibel aufs Wetter reagiert, sollte sich darauf einstellen und die Aktivitäten entsprechend anpassen“, so Ebel. Es macht also nicht das Wetter an sich krank, sondern das Wetter verstärkt vorhandene Schwachstellen des Körpers.

Wetterfühlig oder wetterempfindlich

Expertinnen und Experten unterscheiden zwischen "wetterfühligen" und "wetterempfindlichen" Menschen. Wetterfühlige sind im Prinzip gesunde Menschen, die mit allgemeinen Befindlichkeitsstörungen wie Schlafproblemen, Kopfschmerzen oder Abgeschlagenheit reagieren, wenn es zum Beispiel gewittert oder eine Kaltfront herannaht. Dagegen verschlechtern sich bei wetterempfindlichen Menschen die Symptome einer Vorerkrankung.

Gerade bei vorhandenen Erkrankungen sind auch Effekte der Jahreszeit zu verzeichnen: Im Winter erkranken zum Beispiel mehr Menschen an einer Arthritis oder sterben an einem Herzinfarkt oder einer Lungenerkrankung . Auch Viren, wie Grippeerreger und vermutlich auch SARS-CoV-2, verbreiten sich im Winter schneller. Im Sommer dagegen gehen die Zahlen deutlich nach unten. Andererseits kann auch extreme Hitze schaden, dann steigt die Wahrscheinlichkeit für Schlaganfälle und Thrombosen.

Müde im Frühjahr

Und was hat es mit der Frühjahrsmüdigkeit auf sich? "Im Frühjahr hat der Organismus von wetterfühligen Menschen Schwierigkeiten, sich an die wärmeren Temperaturen zu gewöhnen - zumal in dieser Jahreszeit die Temperaturen sehr schwanken können, von einem Tag zum anderen, aber auch zwischen Tag und Nacht", so Ebel weiter.

Kurzfristige Abhilfe

Um besser mit der Wetterfühligkeit klar zu kommen, ist es gut, wenn die Betroffenen kurzfristige Strategien für den Notfall haben, sich aber langfristig auch fit für diese Situationen machen. Ist es gerade wieder so weit? Dann heißt es:

Trinken, trinken, trinken - das stabilisiert den Blutdruck und kann gegen Schwindel und Schwäche helfen. Getränke der Wahl sind Wasser, ungesüßte Tees und Fruchtsaftschorlen in ausreichender Menge. Und das sind mindestens 1,5 Liter am Tag. Menschen, die eine Herzinsuffizienz haben, müssen allerdings darauf achten, dass sie kein Wasser in ihrem Körper einlagern. Sie sollten die tägliche Trinkmenge mit dem Arzt/der Ärztin abklären.

Auf fettes und blähendes Essen verzichten, denn das beansprucht Verdauungstrakt und Stoffwechsel. An wetterfühligen Tagen deshalb lieber zu Salaten, Gemüse und Vollkornprodukten greifen. Schon im Bett kann ein kleines Kreislaufprogramm vorbeugen helfen: zunächst im Liegen ein wenig mit den Beinen Rad fahren, dann langsam aufstehen, den Tag mit Wechselduschen beginnen und ein leichtes Frühstück einnehmen.

Langfristige Strategien

"Ganz wichtig ist es, nicht nur im Notfall zu reagieren, sondern den Körper insgesamt möglichst fit für solche Situationen zu machen", sagt Ebel. Regelmäßige Bewegung, ausgewogene Ernährung und ausreichend Entspannung sind die beste Grundlage dafür: Schon tägliches Spazierengehen bei jedem Wetter hilft, den Organismus wieder besser auf die natürlichen Temperaturwechsel einzustellen. Herzkreislauf fördernde Sportarten wie Walken, Radfahren, Langlaufen und Schwimmen stärken den Körper und unterstützen dabei, Wetterwechsel besser zu verkraften. Auch Wechselduschen und Sauna trainieren die Gefäße für Belastungen. Saunabesuche sollten jedoch zuvor mit dem Arzt/der Ärztin besprochen werden.

Für die Ernährung gilt - zusätzlich zum ausreichenden Trinken - folgendes, um den Körper wetter- und stressfester zu machen:

  • viel Obst und Gemüse sowie Vollkornprodukte,
  • tierische Lebensmittel wie Milchprodukte, Fleisch, Fisch, Wurst und Eier in Maßen,
  • wenig Öl und Fett, Süßigkeiten, Snacks und Alkohol.

Wer entspannt und ausgeglichen ist, kann Stresssituationen wie Wetterwechsel ebenfalls besser überstehen. Deshalb ist es sinnvoll, auch solche Entspannungseinheiten regelmäßig in den Alltag einzubauen, etwa Yoga, Progressive Muskelentspannung oder Achtsamkeitsübungen.