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Erstmals seit zehn Jahren wieder mehr Verordnungen der Pille zur Verhütung

Hoher Anteil an risikoreichen Präparaten

26.08.21 (ams). Erstmals seit zehn Jahren haben Ärztinnen und Ärzte im Jahr 2020 wieder mehr Verordnungen der Pille zur Verhütung ausgestellt. Das zeigt eine aktuelle Analyse der GKV-Verordnungsdaten, die dem Wissenschaftlichen Institut der AOK (WIdO) vorliegt. Der Verordnungsanteil der kombinierten oralen Kontrazeptiva lag bei den gesetzlich versicherten Mädchen und Frauen im Jahr 2020 bei 35 Prozent und stieg damit um etwa drei Prozent gegenüber dem bisherigen historischen Tiefststand von 2019. "Die Ursache für diesen Anstieg ist allein darauf zurückzuführen, dass die Altersgrenze für die Erstattung von empfängnisverhütenden Medikamenten im Jahr 2019 von 20 auf 22 Jahre angehoben wurde", sagt Dr. Eike Eymers, Ärztin im Stab Medizin des AOK-Bundesverbandes.

Sorge bereitet Expertinnen und Experten der unverändert hohe Anteil der Präparate mit einem höheren Risiko für die Bildung von Thrombosen und Embolien. Laut der aktuellen Auswertung liegt der Anteil der risikoreicheren Präparate bei 52 Prozent und ist damit gegenüber dem Wert von 2019 (54 Prozent) nur leicht gesunken.

Bevorzugt risikoärmere Wirkstoffe einsetzen

"Nach wie vor erhalten mehr als die Hälfte der Mädchen und jungen Frauen Wirkstoffe mit einem erhöhten oder unklaren Risiko für die Bildung von venösen Thromboembolien", sagt Eymers. "Dabei gibt es Alternativen, deren niedrigeres Risiko durch Langzeitstudien bekannt ist und auf die Ärztinnen und Ärzte gerade bei der Erstverordnung der Pille zurückgreifen sollten. Insbesondere bei Mädchen und Frauen mit einem erhöhten Grundrisiko - zum Beispiel durch Übergewicht - sollten bevorzugt risikoärmere Wirkstoffe wie Levonorgestrel verordnet werden", so Eymers.

Appell an Ärztinnen und Ärzte

Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) und das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) hatten die Ärztinnen und Ärzte zuletzt im Juni 2021 im "Bulletin zur Arzneimittelsicherheit" aufgefordert, bei der Beratung und Anwendung vor allem Präparate mit dem geringsten Risiko für venöse Thromboembolien zu berücksichtigen.

Wie notwendig dieser Appell nach wie vor ist, zeigt eine Detail-Auswertung des WIdO zu den verordneten Wirkstoffen: So blieb der Verordnungsanteil des Wirkstoffes Dienogest auch im Jahr 2020 mit 36 Prozent ungefähr auf dem gleichen Niveau wie im Vorjahr (2019: 37 Prozent) - und das, obwohl das Risiko dieses Wirkstoffes für das Auftreten venöser Thromboembolien deutlich erhöht ist und das BfArM daher von der Verordnung bei Risiko-Patientinnen abrät. Das gilt auch für Chlormadinon, dessen Verordnungsanteil sich ebenfalls nur leicht von elf Prozent im Jahr 2019 auf zehn Prozent im vergangenen Jahr verringerte.  Der Anteil der risikoärmeren Alternativen an den Verordnungen hat sich zwar zwischen 2010 und 2020 von knapp 30 auf 48 Prozent erhöht, dennoch sind die risikoreichen Pillen nach wie vor auf einem hohen Stand. "In den letzten Jahren waren nur noch geringfügige Verschiebungen in Richtung der risikoärmeren Wirkstoffe zu beobachten", so Eymers.

Auf Anzeichen von Thrombose und Lungenembolie achten

Gerade Mädchen oder jüngere Frauen, die das erste Mal die Pille einnehmen wollen, sollten sich laut Medizinerin Eymers über die Risiken aufklären lassen und auf typische Symptome achten: "Anzeichen für eine Thrombose sind starke Schmerzen oder Schwellungen sowie ein Spannungs- oder Schweregefühl im Bein. Auch ein bläulich-rote Verfärbung oder ein Glänzen der Haut am Bein können auf eine Thrombose hindeuten", so Eymers. Typische Symptome einer Lungenembolie seien plötzlich auftretende Kurzatmigkeit oder Atemnot, atemabhängiger Brustschmerz, Herzrasen oder unerklärlicher Husten.

60 Jahr Pille zur Verhütung in Deutschland

Die Pille zur Verhütung ist in Deutschland vor 60 Jahren eingeführt worden: Im Jahr 1961 brachte die Schering AG das erste orale Kontrazeptivum auf den Markt - ein Jahr nach der Markt-Einführung in den Vereinigten Staaten. Die Pille wird in Deutschland von den gesetzlichen Krankenkassen seit Ende Juli 2019 für Mädchen und Frauen bis zum vollendeten 22. Lebensjahr erstattet. Vorher hatte die Erstattungsgrenze beim vollendeten 20. Lebensjahr gelegen. In der aktuellen Auswertung wurden nur die Verordnungsdaten der genannten Altersgruppen berücksichtigt.