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Die große Erschöpfung der Pflegekräfte

Burnout

Foto einer Frau, die eine medizinische Maske trägt, die Augen zusammenkneift und sich mit beiden Händen an den Kopf fasst.

20.01.2022 (ams). Starker Zeitdruck- und hohe Verantwortung, Druck von Vorgesetzten, dazu Ärger mit Angehörigen: Viele professionell Pflegende leiden unter Dauerstress. Die Symptome sind vielfältig und betreffen meist Körper und Psyche: Entkräftung kombiniert mit Schlafstörungen, Gefühlen der Überforderung und Überlastung. Folgt auf Phasen der Anspannung keine ausreichende Erholung, droht das sogenannte Burnout-Syndrom. Der englische Begriff "Burnout" bedeutet "ausbrennen" und bezeichnet einen chronischen Erschöpfungszustand.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat Burnout nun erstmalig als Berufsphänomen beschrieben und genauer erklärt. Sie ordnet es als Folge von chronischem Arbeitsstress, also ausschließlich arbeitsbedingt im neuen internationalen ICD-11-Katalog ein, der seit Januar 2022 in allen WHO-Staaten gilt.

Anzeichen für Burnout am Arbeitsplatz

Ein Gefühl des "Ausgebranntseins" ist immer eine Mischung aus persönlichkeitsbedingten und äußeren Faktoren, die sich länger anbahnen.

Burnout macht sich meist bemerkbar durch:

  • Eine tief anhaltende emotionale und körperliche Erschöpfung,
  • die Arbeit wird zunehmend als belastend und frustrierend wahrgenommen. In Folge entwickeln Betroffene eine emotionale Distanz und Abstumpfung gegenüber den Kolleginnen und Kollegen und der Arbeit an sich
  • die tägliche Leistungsfähigkeit in Beruf und Alltag leidet; alles wird lustlos und unkonzentriert erledigt, alles wird negativ gesehen oder zynisch kommentiert

Quelle: Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG)

Laut der Stiftung Deutsche Depressionshilfe gibt es zu Burnout keine klaren Diagnosekriterien. Burnout ist ein Prozess, der bis zum Zusammenbruch führen kann, aber es ist keine eigene psychische Krankheit. Dennoch können sich hinter dem "Ausgebranntsein" auch Erkrankungen, wie eine Depression, eine Angststörung oder ein chronisches Müdigkeitssyndrom verbergen. Die Unterscheidung ist schwierig und daher eine sorgfältige fachärztliche Abklärung wichtig. Nur so kann festgestellt werden, welche Gründe es für die Erschöpfung gibt und welche Behandlung erforderlich ist.

Fehlzeiten wegen eines Burnouts nehmen zu

Die Arbeitsunfähigkeitstage, in denen Burnout ärztlich angegeben wurde, nehmen stark zu. Laut Fehlzeiten-Report 2021 des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WidO) haben sie sich innerhalb von zehn Jahren bei den AOK-Versicherten um fast 36 Prozent erhöht. Die Betroffenen fehlen mit 30 Tagen auch wesentlich länger als der Bundesdurchschnitt aller Erkrankten in Deutschland wie das Statistische Bundesamt errechnet hat. Dies ist sowohl für die Betroffenen, als auch für Unternehmen eine Belastung.

AOK-Angebote für Pflegeteams

Die Pflege-Mediathek der AOK ist eine digitale Lernplattform für Krankenhäuser, ambulante und stationäre Pflegeeinrichtungen mit multimedialen Schulungen zu den Themen Bewohnerprävention, Betriebliche Gesundheitsförderung und Pflegestandards. Hier können sich Einrichtungen gratis registrieren und ihre Pflegeteams zu Prävention und Betrieblicher Gesundheitsförderung schulen. Bisher nutzen dies über 3.200 Pflegeeinrichtungen für ihre internen Fortbildungen.

Care4Care ist ein digital unterstütztes Programm zur Betrieblichen Gesundheitsförderung für die Pflege. Neben der Analyse der arbeitsbedingten Gesundheitssituation der Beschäftigten bietet Care4Care umfangreiche Online-Trainings und verknüpft diese mit Präsenzworkshops. Die Verbesserung der Arbeitsorganisation, Unternehmenskultur, Kommunikation und die Steigerung der Gesundheitskompetenz, sind Kernthemen. Das digitale Pilot-Programm RESIST hilft, den Pflegekräften, ihre individuelle psychische Widerstandkraft (Resilienz) zu fördern. Neben der AOK sind vier Universitäten an dem Forschungsprojekt beteiligt. Teilnehmen können ambulante und stationäre Pflegeeinrichtungen und Krankenhäuser mit ihren Pflegeteams.

Speziell für Führungskräfte: Das AOK-Online-Programm Gesund führen unterstützt Führungskräfte jeder Branche, eine gesunde und mitarbeiterorientierte Führungskultur aufzubauen. Denn Führungskräfte sind Vorbilder, und ein gutes Betriebsklima ist entscheidend für jedes Unternehmen. Sechs interaktive Lerneinheiten schulen z.B. die Rolle der Führungskraft im Unterstützen, Zuhören oder zum Feedbackgeben.

Mit dem Forschungsförderprojekt QualiPEP (Qualitätsorientierte Prävention und Gesundheitsförderung in Einrichtungen der Eingliederungshilfe und Pflege) hat der AOK-Bundesverband im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums zwischen 2017 und 2021 einen Qualitätsrahmen für Maßnahmen der Prävention, betrieblichen Gesundheitsförderung und Gesundheitskompetenz in Einrichtungen der Eingliederungshilfe und Pflege entwickelt und erprobt. Ergebnis sind jeweils ein Handbuch für beide Bereiche, um die praktische Umsetzung der Projekterkenntnisse dauerhaft in die Praxis zu übertragen.

Pflegekräfte sind besonders gefährdet

Burnout trifft vor allem helfende Berufe - Pflegekräfte stehen nach Analysen des Fehlzeiten-Reports 2021 gleich hinter den Sozialarbeitern/Sozialpädagogen auf den Plätzen zwei bis vier. Dabei sind Frauen deutlich länger krankgeschrieben als Männer. Mit zunehmendem Alter steigt bei beiden Geschlechtern das Risiko infolge eines Burnouts krankgeschrieben zu werden.

"Professionelle Pflegekräfte stehen nicht erst seit der Covid-19-Pandemie stark unter Druck", sagt Werner Winter, Experte für Betriebliche Gesundheitsförderung im AOK-Bundesverband. So belasten unter anderem ungünstige Arbeitsbedingungen, wie Schicht- und Springerdienste, Überstunden und zu wenig Personal die Gesundheit der Pflegekräfte. Auch hohe emotionale Anforderungen, mangelnde Unterstützung und Wertschätzung am Arbeitsplatz oder schlechte Arbeitsorganisation setzen der Psyche zu. Das Gefühl, den Job nicht mitgestalten zu können, und dort ständig im Überforderungsmodus zu sein, können zu Rückzug und Frustration führen und stehen mit einem höheren Burnout-Risiko in Verbindung, wie der HTA-Forschungsbericht dazu feststellt.

Das können Führungskräfte tun

"Damit der Pflegejob nicht krank macht, sind Führungskräfte und Arbeitgeber gefordert, die krank machenden Strukturen zu beseitigen. Sie müssen vorbeugen und die Belastungen im beruflichen Umfeld reduzieren, damit die Beschäftigten gar nicht erst ins Burnout geraten. Die Führungskraft sollte immer ein offenes Ohr für die Pflegeteams haben, eben nah am Geschehen sein und bei ersten Anzeichen, wie Ärger im Team, unkonzentrierte und überlastete oder frustrierte Mitarbeitende das direkte Gespräch suchen", so AOK-Experte Winter weiter.

Damit Pflegeeinrichtungen und Krankenhäuser mehr erfahren, wie sie ihre Pflegekräfte unterstützen können, hat die AOK die bundesweite Kampagne "Pflege.Kräfte.Stärken" ins Leben gerufen. Bei Kernthemen, wie Arbeitsorganisation, Aufgabenmanagement oder selbstbestimmtes Arbeiten unterstützen Onlineangebote die Pflegekräfte oder die AOK-Berater vor Ort.

"Wenn sich die Führungsebene aktiv für die Gesundheit ihrer Pflegekräfte einsetzt, hat das positive Auswirkungen auf die Personalfindung und -bindung. Die Pflegeeinrichtungen, die sich um die Gesundheit ihrer Mitarbeitenden kümmern, sind für qualifizierte Beschäftigte deutlich attraktiver. Die Fluktuation ist zudem geringer. Gesunde, wertgeschätzte Beschäftigte stärken ein Unternehmen im Inneren genauso wie in der Außenwahrnehmung", sagt Winter.
 

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