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Alternsgerecht arbeiten: Fit bleiben bis zur Rente

Professionelle Pflege

28.04.22 (ams). Viele Pflegefachkräfte sind ausgelaugt, zum Personalmangel kommen die Belastungen durch die Corona-Pandemie dazu. Viele steigen aus – auch wenn sie ihren Beruf eigentlich lieben. Damit geht viel Erfahrung und Fachwissen verloren. Wie kann man die "alten Häsinnen und Hasen" an ihrem Arbeitsplatz halten? Wie können sie trotz oft schwieriger Arbeitsumstände gesund und motiviert bleiben? Die Antwort lautet: mit alternsgerechten Rahmenbedingungen. Doch was heißt das konkret? Werner Winter, Experte für Betriebliche Gesundheitsförderung (BGF) im AOK-Bundesverband, gibt Antworten.

"Ich bin mit fast 55 Jahren eigentlich zu alt für die Pflege", sagt eine Pflegefachkraft. Und eine andere äußert sich folgendermaßen: "Wir sollen alle bis 67 Jahre arbeiten, das ist nicht vorstellbar." Bemerkungen, die bei einer aktuellen Befragung der Hochschule für Wirtschaft und Gesellschaft Ludwigshafen gefallen sind. Alternsgerechtes Arbeiten war neben Überlastung das häufigste Thema, das die knapp 2.000 befragten Pflegefachpersonen in der Studie angesprochen haben. "Personalmangel, Arbeitsverdichtung, Schichtdienste, schweres Heben und Tragen sowie hohe psychische Anforderungen - das sind Belastungsfaktoren im Pflegeberuf, die einer Erschöpfung und einem vorzeitigen Altern Vorschub leisten und zu einem Ausstieg aus dem Beruf führen können", berichtet BGF-Experte Winter. "Deshalb muss die Arbeit sowohl alters- als auch alternsgerecht organisiert werden, so dass diese Menschen den Pflegeberuf wirklich bis zum Rentenalter ausüben zu können."


Radio O-Töne zum Thema von Werner Winter, BGF-Experte im AOK-Bundesverband

Alternsgerecht arbeiten in der Pflege

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Tipps, was Einrichtungen außerdem tun könnten

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Viele hören früher auf

Nicht nur die Patientinnen und Patienten, auch die Pflegefachkräfte werden immer älter: Knapp 40 Prozent sind über 51 Jahre alt, wie Statistiken der Landespflegekammern, unter anderem aus Schleswig-Holstein besagen. Die Statistiken zeigen auch: Ab einem Alter von 61 Jahren arbeitet kaum mehr eine ausgebildete Pflegefachkraft in ihrem Beruf. Auf den Intensivstationen hören die meisten mit 50 Jahren auf. "Das ist alarmierend angesichts eines eklatanten Personalmangels in der Pflege", so Winter. "Es werden nur die Unternehmen wettbewerbsfähig bleiben, die auch älteres Personal gewinnen und binden können."

Mit Vorurteilen aufräumen

Es gilt also, die Potenziale älterer Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zu erkennen und deren Ressourcen zu stärken. Das heißt zuallererst, mit Vorurteilen gegen ältere Beschäftigte aufzuräumen. Die besagen zum Beispiel, sie seien weniger leistungsfähig, weniger flexibel, häufiger krank und verursachten mehr Personalkosten. "Das stimmt so nicht", betont AOK-Experte Winter. "Ältere haben mehr Erfahrung und Fachwissen als Jüngere. Zudem zeichnen sie sich durch höhere emotionale und soziale Kompetenzen aus - die sind für den Pflegeberuf besonders wichtig." Mit diesen Vorteilen lassen sich eventuell abnehmende physiologische Fähigkeiten, gerade was Muskelkraft, und Beweglichkeit angeht, oft ausgleichen. Es ist sogar erwiesen, dass Ältere weniger stressanfällig sind und mehr Ressourcen haben als Jüngere, um einem drohenden Burnout vorzubeugen.

Als Pflegeexperten einsetzen

Der Erfahrungsschatz der langjährig Beschäftigten sollte gehoben werden. Sie können als Pflegeexpertinnen und -experten eingesetzt werden, zum Beispiel als Wundmanager, Diabetesberaterin und Case-Manager. Sie können als Mentoren für jüngere Mitarbeitende fungieren oder als Praxisanleiterinnen für Azubis. Es gibt also viele Möglichkeiten, um ältere Pflegefachkräfte von schweren körperlichen Arbeiten zu entlasten und sie gleichzeitig zu fordern, indem sie ihr Wissen an Jüngere weitergeben können. „Wenn man ältere Pflegefachkräfte mit anspruchsvollen Aufgaben betraut, bedeutet das auch eine Wertschätzung ihrer Potenziale“, so Winter. Erfahrene Pflegefachkräfte sollten daher auch keine Scheu haben, mit solchen Vorschlägen auf ihre Vorgesetzten zuzugehen.

Entlastung im Pflegealltag

  • Andere Tätigkeiten übernehmen: sich zeitweise von besonders belastenden Aufgaben befreien lassen. Oder Unterstützung durch eine zweite Kollegin einfordern. Sonderaufgaben übernehmen, zum Beispiel als Pflegeexpertin. Oder Tätigkeiten übernehmen, die sonst liegen bleiben.
  • Pausen einhalten: einen gemütlichen Pausenraum einrichten und kostenlos Wasser und Obst anbieten. Kurse zur gesunden Pausengestaltung nutzen. Atemübungen oder leichte Gymnastik können Wunder wirken. Führungskräfte sollten Vorbilder sein!
  • Schichtarbeit gestalten: Schichtwechsel nur in Vorwärtsrotation (F-S-N), einen täglichen Wechsel zwischen den Schichten vermeiden. Auch Dauernachtschichten sind nicht angesagt. Höchstens sechs Arbeitstage in Folge arbeiten.
  • Hilfsmittel nutzen: Sind alle benötigten Hilfsmittel, die ich als Pflegekraft für meine Arbeit brauche, in ausreichender Anzahl vorhanden und schnell erreichbar? Nutze ich sie? Brauche ich eventuell eine Fortbildung in optimierter Arbeitsweise?
  • Betriebliches Gesundheitsmanagement ernst nehmen, es ausbauen und Angebote selber nutzen.

Fort- und Weiterbildung

Egal ob Schmerzmanagement, Aromapflege oder außerklinische Beatmung - die vielfältigen Angebote zur Fort- und Weiterbildung sind dazu da, um genutzt zu werden und zwar als Erweiterung der Einsatzfähigkeit und als Chance für lebenslanges Lernen. In diesem Sinne kann Fortbildung motivieren. Kurse zu den Themen Stressabbau, Kinästhetik oder rückengerechtes Arbeiten können Folgen für die psychische und körperliche Gesundheit abfedern. "Häufig berichten Arbeitgeber davon, dass die Lernbereitschaft von älteren Mitarbeitenden sinkt. Das ist aber oft weniger dem Alter geschuldet als ungünstigen betrieblichen Rahmenbedingungen indem zum Beispiel Ältere bei Weiterbildungen nicht oder in geringerem Umfang berücksichtigt werden", berichtet Winter.

Selber entscheiden

Ein weiteres zentrales Merkmal alternsgerechten Arbeitens ist es, für mehr Handlungsspielräume zu sorgen. "Gerade ältere Menschen haben ein größeres Bedürfnis nach Autonomie. Wenn sie selber entscheiden können, wann welche Aufgabe erledigt wird, hat das positive Effekte auf das Erleben von Stress und Erschöpfung", berichtet Winter. Dazu gehört zum Beispiel auch eine vorausschauende Dienstplangestaltung, die persönliche Wünsche berücksichtigt oder die eigenständige Wahl von Arbeits- und Hilfsmitteln. Auch hier sind die Mitarbeitenden gefragt, das einzufordern.