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Psychische Erkrankungen: Raus aus der Stigmatisierung

Es kann jede(n) treffen.

25.05.22 (ams). Noch immer gibt es viele Vorurteile, was psychische Erkrankungen betrifft. Dabei sind seelische Symptome so "normal" wie körperliche. Dennoch tut sich unsere Gesellschaft immer noch schwer mit einem offenen Umgang. Die Folge: Patienten und Patientinnen leiden unter der Stigmatisierung. Doch jede und jeder - ob betroffen oder nicht -, kann etwas tun, um der oft latenten Diskriminierung etwas entgegenzusetzen.

In ihrer Anwesenheit wird abfällig über sie gesprochen oder es herrscht betretenes Schweigen. Freundinnen und Freunde brechen den Kontakt ab. Arbeitskolleginnen und -kollegen ziehen sich zurück. Von solchen Erfahrungen am Arbeitsplatz, in der Schule, im Freundeskreis und auch in der Familie berichten viele Menschen mit psychischen Erkrankungen. "Es bestehen immer noch Vorurteile: Es fehle den Menschen mit Depressionen, einer Suchterkrankung oder Angststörung zum Beispiel an Selbstdisziplin und sie seien selbst schuld an ihrer Erkrankung", sagt Birgit Lesch, Diplom-Psychologin bei der AOK. "Ihnen wird häufig latent unterstellt, sie seien inkompetent, faul oder selbstmitleidig."

Vorurteile sind groß

Die Vorurteile gegen Menschen mit einer Schizophrenie oder einer bipolaren Erkrankung sind besonders groß: Viele haben Angst vor ihnen, weil sie als gefährlich und unberechenbar gelten. Tatsächlich verhält es sich umgekehrt: Psychisch kranke Menschen laufen eher Gefahr, selbst Opfer eines Gewaltaktes zu werden, wie Studiendaten nahelegen. Nimmt man alle psychischen Erkrankungen zusammen, ist bei psychisch Kranken das Risiko, einen Gewaltakt zu begehen, niedriger als in der Allgemeinbevölkerung. "Trotz verbesserter psychotherapeutischer und psychiatrischer Versorgung hat sich die Einstellung gegenüber psychisch kranken Menschen jedoch nicht wesentlich verbessert", sagt Lesch.

Sag es bloß keinem! Oder doch?

Sich selbst psychische Probleme eingestehen und frühzeitig Hilfe suchen. Bei Beratungsstellen, Psychotherapeuten oder Psychiaterinnen haben Betroffene keine Vorurteile zu befürchten. Sich mit anderen Menschen austauschen. Vielleicht hat das persönliche Umfeld ebenfalls Erfahrungen mit psychischen Krisen. Auch der Besuch einer Selbsthilfegruppe kann große Unterstützung bieten.

Offenlegen oder nicht? Offenheit kann sehr erleichternd sein, ist aber nicht in jeder Situation empfehlenswert. Eine Entscheidungshilfe bietet das Gruppenprogramm "In Würde zu sich stehen (IWS)", das an der Universität Ulm entwickelt wurde.

Auf Diskriminierungen hinweisen , oft genug werden sie übergangen. Wenn etwa jemand sagt: "Du siehst gar nicht so aus, als ob du solche Ängste hättest!", kann man zurückfragen: "Und wie sieht deiner Meinung nach jemand aus, der Ängste hat?"

Sich und andere informieren. Oft sind Angehörige, Kollegen oder Freunde unsicher, wie sie helfen und Erste Hilfe für psychische Gesundheit leisten können. Das Multiplikatorenprogramm "Mental Health First Aid" eine Ersthelferschulung für psychische Gesundheit kann auch präventiv eingesetzt werden. 

Selbst-Stigmatisierung als "zweite Krankheit"

Abwertende Reaktionen - mal offen, mal unterschwellig -, die die Betroffenen immer wieder erleben und spüren, führen zu permanentem Stress. Die Betroffenen empfinden Scham- und Schuldgefühle und verwenden oft viel Energie darauf, ihre Erkrankung zu vertuschen und "normal" zu erscheinen. Diese Selbst-Stigmatisierung wird auch als "zweite Krankheit" bezeichnet.

Früherkennung ist wichtig

In der Summe kann das verheerende Folgen haben - nicht nur für das Selbstwertgefühl: "Es führt unter Umständen zu Isolation und Arbeitslosigkeit, verschlechtert den Krankheitsverlauf, reduziert die Lebensqualität und steht einer Früherkennung und zielgerichteten Behandlung im Weg", sagt Dr. Sylvia Böhme, Psychologin und Psychotherapeutin bei der AOK. Denn wie bei so vielen körperlichen Erkrankungen gilt auch hier: Je eher Anzeichen einer psychischen Erkrankung erkannt werden, desto besser sind die Heilungschancen, möglicherweise kann einem vollständigen Symptombild sogar vorgebeugt werden.

Jeder vierte Erwachsene betroffen

Die Wahrscheinlichkeit im Laufe unseres Lebens eine psychische Erkrankung zu entwickeln ist höher als viele denken: In Deutschland ist jedes Jahr mehr als jeder vierte Erwachsene (27,8 Prozent) von einer psychischen Erkrankung betroffen. Das sind etwa 17,8 Millionen Menschen, von denen aber nur knapp jeder Fünfte (18,9 Prozent) professionelle Unterstützung sucht, so die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde. Laut Fehlzeiten-Report des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) gingen im Jahr 2020 zwölf Prozent aller Fehlzeiten auf psychische Erkrankungen zurück. Damit liegen diese auf Platz zwei der arbeitsbedingten Fehlzeiten - hinter Muskel- und Skelett- und vor Atemwegserkrankungen.

Mangelnde Auseinandersetzung mit dem Thema

Dazu sagt Psychotherapeutin Böhme: "Das heißt: Auch wenn man selber keine psychische Erkrankung hatte oder hat, ist es doch sehr wahrscheinlich, dass es im engeren Umfeld Menschen gibt, die mit psychischen Problemen zu kämpfen haben. Psychische Erkrankungen werden noch immer als persönliche Schwäche wahrgenommen. Die Entwicklung einer psychischen Erkrankung ist auf den ersten Blick schwerer zu verstehen als die Entwicklung eines Diabetes. Aber auch dies ist vor allem ein Zeichen des Stigmas: die mangelnde gesellschaftliche und individuelle Auseinandersetzung mit psychischen Erkrankungen führt zu geringen Kenntnissen ihrer Entstehungsfaktoren und Erscheinungsbilder. Dies wiederum führt zur Wahrnehmung psychischer Erkrankungen als unheimlich oder bedrohlich."

Wichtig ist, sich zu informieren

Sich diese Zusammenhänge vor Augen zu führen, ist der erste Schritt raus aus der oft auch unbewussten Stigmatisierung. "Es ist wichtig, sich über psychische Erkrankungen, Risikofaktoren, Anzeichen und Erscheinungsbilder zu informieren und sich klar zu machen: Es kann jeden treffen", so Böhme. Sie empfiehlt allen Menschen, die vermuten, dass eine Kollegin, ein Freund oder ein Angehöriger ein psychisches Problem hat, das Gespräch zu suchen - statt ihr oder ihm aus dem Weg zu gehen. "Bei einem Gespräch heißt es erst mal: Für den anderen offen sein und Fragen stellen. Man sollte vorsichtig formulieren, was einem an Veränderungen aufgefallen ist. Nur wenn das Gespräch über psychische Probleme ebenso normal wird, wie über andere gesundheitliche Sorgen zu sprechen, können wir aus der Stigma-Falle ausbrechen. Erst dann werden Menschen frühzeitiger ihre Symptome erkennen, einordnen und Hilfe suchen."

Für den Betroffenen stellt sich die Frage: Wie offen gehe ich mit meiner Erkrankung um? Die einen sagen: "Ich stehe dazu!" Sie möchten bewusst das Tabu brechen und nichts mehr verheimlichen. Andere dagegen sind vorsichtig und erzählen zumindest im beruflichen Umfeld nichts von ihren Problemen, weil sie Nachteile fürchten. Häufig sind Freundinnen und Kollegen jedoch durchaus erleichtert, wenn der Betroffene mit der Wahrheit herausrückt.

Familiencoach Depression der AOK

Hilfe für Angehörige und Freunde von depressiven Menschen bietet der Familiencoach Depression der AOK. Das Online-Trainingsprogramm vermittelt unter anderem Wissen zu depressiven Erkrankungen.

 
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