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Vorteil für Patienten ist die enge Zusammenarbeit aller Fachrichtungen

Prof. Klinkhammer-Schalke zu Krebsbehandlungen in zertifizierten Zentren

Portraitfoto von Frau Prof. Klinkhammer-Schalke.

29.06.22 (ams). Eine Krebsbehandlung in einem zertifizierten Zentrum senkt die Sterblichkeitsrate der Patientinnen und Patienten. Das ist das Ergebnis einer Studie auf Basis von bundesweiten AOK-Abrechnungsdaten und Daten aus vier regionalen klinischen Krebsregistern. Bei allen elf untersuchten Krebsarten war der Überlebensvorteil Betroffener größer, wenn sie in Kliniken behandelt wurden, die von der Deutschen Krebsgesellschaft zertifiziert waren. Die Daten sind in den vergangenen drei Jahren im Rahmen des Innovationsfonds-Projektes "Wirksamkeit der Versorgung in onkologischen Zentren" (WiZen) ausgewertet worden. Besonders groß war laut der Analyse der Krebsregisterdaten der Überlebensvorteil durch die Zentrenbehandlung bei Gebärmutterhalskrebs (minus 25,9 Prozent Sterblichkeit), neuroonkologischen Tumoren (minus 15,8 Prozent), Lungenkrebs (minus 15,0 Prozent) und Brustkrebs (minus 11,7 Prozent). Vor allem Patientinnen und Patienten mit niedrigem Tumorstadium profitierten. Im Interview mit dem ams-Ratgeber erläutert Professorin Dr. Monika Klinkhammer-Schalke, Vorstandsvorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Tumorzentren e.V., die Wichtigkeit der Studie und sagt, was daraus folgen sollte.

Wie bewerten Sie die Ergebnisse der WiZen-Studie?

Professorin Klinkhammer-Schalke: Die positiven Effekte der Zertifizierung sind unter anderem dadurch zu erklären, dass die Patientinnen und Patienten in den zertifizierten Zentren auf inter- und multidisziplinäre Behandlungsteams treffen, die häufiger leitliniengerecht behandeln und auf eine bessere Prozess- und Strukturqualität zurückgreifen können. Für den Erfolg der zertifizierten Zentren dürfte zum Beispiel der Einsatz von Tumorboards eine große Rolle spielen, die das diagnostische und therapeutische Vorgehen bei Patienten mit malignen Tumoren mit allen Vertretern der einzelnen Fachdisziplinen gemeinsam besprechen und die weitere Behandlung planen. Der Vorteil für die Patienten ist also, dass hier alle an der Behandlung eines Krebspatienten beteiligten Fachrichtungen eng zusammenarbeiten. Neben Chirurgen, Radioonkologen, Pathologen, Experten für die medikamentöse Tumortherapie auch Experten aus weiteren nicht medizinischen Fachdisziplinen, wie zum Beispiel Psychoonkologen. Die Zentren müssen jährlich nachweisen, dass sie die fachlichen Qualitätskriterien für die Behandlung einer Tumorerkrankung erfüllen und zudem über ein etabliertes Qualitätsmanagementsystem verfügen. Wir sollten in Zukunft unbedingt Wege finden, dass wir die Behandlungen in zertifizierten Zentren regelhaft empfehlen und voranbringen.

Eine passende Klinik finden

Bei der Suche nach dem passenden Krankenhaus, Arzt, Zahnarzt, Psychotherapeuten oder der passenden Hebamme hilft der AOK-Gesundheitsnavigator.

Im AOK-Gesundheitsnavigator werden neben den in der Arztsuche, Krankenhaussuche und Hebammensuche verwendeten Daten auch Informationen zu Krankheiten und Behandlungen angeboten. Diese Informationen stammen - falls nicht anders angegeben - vom Online-Informationsportal Gesundheitsinformation.de des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG).

Wie können denn die Patientinnen und Patienten von den Vorteilen einer Behandlung in zertifizierten Zentren erfahren?

Professorin Klinkhammer-Schalke: Um die besseren Behandlungsergebnisse bekannter zu machen, braucht es die Unterstützung der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte - hier sind vor allem die Hausärztinnen und Hausärzte die ersten Ansprechpersonen für die Patienten. Derzeit wird nur etwa die Hälfte der Patienten in zertifizierten Zentren behandelt. Deshalb ist auch die Zusammenarbeit der Zentren mit den Fach- und Hausärzten extrem wichtig für die Patienten. Schließlich sollten sich Betroffene mit der Diagnose Krebs in ein sicheres Netz fallen lassen können. Damit ist nicht allein der medizinische Bereich im Krankenhaus, also im zertifizierten Zentrum, gemeint, in dem behandelt wird. Wir sprechen auch über Physiotherapeuten, Psychoonkologinnen, Sozialarbeiter. Was passiert, wenn jemand durch die Chemotherapie so geschwächt ist, dass er Unterstützung im Haushalt braucht? Auch Schuldenberatung könnte notwendig werden, zum Beispiel, wenn eine alleinerziehende Mutter wegen der Krebsdiagnose längere Zeit nicht arbeiten gehen kann und nicht weiß, wie sie den Lebensunterhalt bestreiten soll. Wesentlich ist es deshalb, dass Patienten durch ihren behandelnden Arzt einen möglichst schnellen Zugang zu Zentren erhalten. Für die Wahl der für sie richtigen Klinik brauchen sie die richtigen Informationen und leicht verständlichen Rat.

Wie könnte eine regionale Zusammenarbeit zwischen Kliniken und insbesondere zwischen zertifizierten Zentren aussehen?

Professorin Klinkhammer-Schalke: Für eine gute Versorgung krebskranker Menschen werden zertifizierte Zentren und ambulante Netzwerke gebraucht. Bisher ist das leider noch nicht überall gegeben. Dabei könnte die Lebensqualität der Betroffenen durch eine gute Vernetzung der Kliniken mit dem ambulanten Bereich und durch gezielte Unterstützungsangebote deutlich verbessert werden. Studien, zum Beispiel bei Darmkrebs, belegen, dass Behandler die Symptome ihrer Patienten oft unterschätzen. Deshalb geht es auch darum, den Unterstützungsbedarf der Patienten besser einschätzen zu können.

Regionale Netzwerke gibt es schon in vielen Bereichen. Über gemeinsame Fortbildungen ergeben sich Kontakte und Chancen für eine enge Zusammenarbeit. Zum Beispiel, wenn zertifizierte Zentren vor allem ältere Patienten nicht direkt nach Hause entlassen, sondern zur weiteren Versorgung in kleinere regionale Häuser schicken. Darin liegt eine Stärke. Nicht alle Kliniken können sich zertifizieren lassen, aber kleinere Häuser und zertifizierte Zentren können Hand in Hand arbeiten.

Für das WiZen-Projekt wurden erstmals versorgungsnahe Daten der Krankenkassen von rund einer Million Fälle in Bezug zu Krebsregisterdaten gesetzt und ausgewertet. Wie bewerten Sie solche Kooperationen?

Professorin Klinkhammer-Schalke: Solche Kooperationen sind sehr wichtig, denn es kann nicht jede Institution alles machen. Deshalb müssen Daten, Kräfte und Wissen gebündelt werden, also zum Beispiel Krebsregisterdaten mit den Daten der Krankenkassen. Das ist ein enormer Datenschatz, der für eine bessere Behandlung der Patienten genutzt werden kann und sollte.