Einfach mal wieder Kind sein dürfen

Auszeiten vom Leistungsdruck

11.05.15 (ams). Sie sollen gute Noten mit nach Hause bringen, mindestens ein Instrument spielen und viel Sport treiben: Der Alltag vieler Kinder ist überfrachtet. Eltern wollen nur das Beste, deshalb fördern sie ihren Nachwuchs. Engagierte Eltern sind toll, doch sollten sie nicht vergessen: "Kinder müssen sich auch mal ausklinken können. Auszeiten vom Leistungs- und Erwartungsdruck sind wichtig für eine gesunde körperliche und geistige Entwicklung", sagt Dr. Dieter Bonitz, Diplom-Psychologe im AOK-Bundesverband.

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Viele Eltern treibt die Sorge an, was aus ihren Kindern in der Leistungs- und Wissensgesellschaft einmal werden soll. Wohlmeinend fördern sie ihre Kinder in allen Bereichen, damit sie eine gute Grundlage fürs Leben haben. Manche Kinder sind damit aber überfordert: Sie sind durchgehend verplant und haben keine Zeit, eigenen Impulsen zu folgen. "Es ist sehr schwer für Eltern, sich dem gefühlten Druck durch die Gesellschaft zu entziehen und bei ihren Kindern einfach öfter mal fünfe grade sein zu lassen. Aber genau das ist enorm wichtig für die Entwicklung und eine solide Basis", so Bonitz. Kinder, die zu stark unter Druck stehen, reagieren oft mit körperlichen Beschwerden wie Bauch- und Kopfschmerzen bis hin zu Essstörungen, Rückzug oder Schulverweigerung. 

Abhängen, Faulenzen, Gammeln oder Chillen - das sind Wörter, die so gar nicht mit Bildung und Erfolg zusammenzupassen scheinen. Was soll aus faulenzenden Kindern werden? Wie sollen sie jemals ihren Abschluss machen? Und wie sollen sie selbstständig durchs Leben gehen? Vor allem während der Pubertät wird Faulenzen, Chillen und das Sich-Treiben-Lassen oft zum Sorgen- und Streitthema Nummer eins in Familien. "Dabei gehören Faulenzen und Leistung zusammen wie das Schlafen und Wachsein", so der AOK-Psychologe. Nur wenn man sich richtig erholt, kann man auch wieder aktiv sein und etwas leisten. Bonitz: "Deshalb ist es wichtig, den Kindern auch Auszeiten zu gewähren."


Wie sollten Eltern damit umgehen, wenn ihre Kinder faulenzen?

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Faulenzen und Leistung gehören zusammen

Falls sich Eltern Sorgen machen, wenn ihr Kind mal wieder Löcher in die Luft starrt, sollten sie wissen:

  • Das Gehirn speichert Informationen besonders gut ab, wenn sie sich in einer entspannten Phase setzen können. Ein Schläfchen, Rumtrödeln oder entspanntes Nichtstun wirken quasi wie ein Wissensverstärker.
  • Nichtstun macht kreativ. Und: Langeweile auszuhalten, ist ganz schön schwierig - besonders in einer Umwelt, in der viele Dinge vorgegeben sind. Letztlich führt sie dazu, dass die Kinder sich auf sich besinnen und kreative Ideen entwickeln.

Vielleicht fällt es in Zukunft mit diesen Gedanken im Hinterkopf leichter, dem Kind Freiräume zu lassen. Vielleicht ist es aber auch nötig, einmal die eigene Einstellung gegenüber dem Kind zu überprüfen: Ist mein Kind möglicherweise einfach überfordert? Wie erfolgreich muss es wirklich sein? "Eltern stellen dann manchmal fest, dass ihr Verhalten gegenüber dem Kind stark von den eigenen Erwartungen oder Ängsten geprägt ist", sagt Bonitz. "Oft hilft es schon, sich das einmal klarzumachen, um etwas besser loslassen zu können." Manchmal sollte man sich auch eingestehen, dass das Kind nicht so viel leisten kann, wie man es sich wünscht. Dann müssen die Eltern ihre Erwartungen dem Wohl ihres Kindes zuliebe nach unten schrauben.

Kinder setzen sich auch selbst unter Druck

Manchmal setzen sich die Kinder auch selbst unter Druck, wenn sie sich untereinander vergleichen und miteinander konkurrieren. "In diesem Fall sind es oft die Eltern, die ihren Nachwuchs daran erinnern, dass es auch noch andere Dinge im Leben gibt, als erfolgreich zu sein", betont der Psychologe. Noten sind nicht alles! Mach mal eine Pause und unternimm etwas Schönes! Immer öfter nehmen auch Eltern diese Rolle gegenüber ihren Kindern ein, sie zu mehr Entspannung geradezu einzuladen. "Wenn bei Kindern der Druck und die hohen Ansprüche zu hoch geworden sind", so Bonitz, "müssen Eltern ihnen bewusst machen, dass das Leben nicht allein aus Arbeit und Leistung besteht, sondern auch aus Spaß, Träumen und Freude am Nichtstun."


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