Was Chefs für die Gesundheit ihrer Beschäftigten tun können

Gut geführt

10.12.18 (ams). Mangelnde Unterstützung durch den Chef kann krankmachen. Die Folgen reichen von gesundheitlichen Beschwerden über längere Fehlzeiten bis hin zu geringerer Motivation und schlechten Leistungen am Arbeitsplatz. Doch wie schaffen es Führungskräfte, dass ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gut und gerne arbeiten?
Keine Anerkennung, keine Mitsprache, zu hoch gesteckte Arbeitsziele - viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter fühlen sich von ihren Chefinnen und Chefs schlecht behandelt. Laut Fehlzeiten-Report 2018 des Wissenschaftlichen Instituts der AOK äußerten in einer Befragung nur 69,3 Prozent der Teilnehmer, dass sich ihr Arbeitgeber ihnen gegenüber loyal verhält.
Die Folge: Dienst nach Vorschrift und vermehrte Krankschreibungen. "Führungskräfte nehmen eine zentrale Rolle ein, wenn es um die Gesundheit der Beschäftigten geht", sagt Christine Spanke, Diplom-Psychologin der AOK. "Wechseln Vorgesetzte aus einem Bereich mit hohen Fehlzeiten in eine Abteilung mit vorher niedrigerem Krankenstand, steigt dort die Anzahl der Fehltage." Chefs nehmen "ihren" Krankenstand also zum Teil mit. Wenig Unterstützung und Freude bei der Arbeit führen zu körperlichen und seelischen Beschwerden, darunter Rückenprobleme und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Erleben Beschäftigte ihre Arbeit dagegen als sinnstiftend, so wirkt sich das positiv auf ihre Gesundheit aus: Sie fehlen seltener am Arbeitsplatz, haben deutlich weniger arbeitsbedingte gesundheitliche Beschwerden und halten sich im Krankheitsfall häufiger an die ärztlich verordnete Krankschreibung. Auch das zeigt der Fehlzeiten-Report 2018.

AOK-Programm "Gesund führen"

Für Führungskräfte, die ihr eigenes Führungsverhalten unter die Lupe nehmen und weiter verbessern wollen, bietet die AOK das kostenlose Online-Programm "Gesund führen" an. Das Programm basiert auf wissenschaftlich erprobten Ressourcen- und Stressmanagement-Programmen der Universität Hamburg. Es besteht aus sechs Modulen:

  • Modul 1: Ich als Unterstützer (Grundlagen zur Rolle der Führungskraft)
  • Modul 2: Ich als Zuhörer (Technik des aktiven Zuhörens)
  • Modul 3: Ich als Feedbackgeber (sinnvoll Lob und Kritik äußern)
  • Modul 4: Ich als Gestalter (Mitarbeiter bei Arbeitsabläufen und Veränderungen beteiligen)
  • Modul 5: Ich als Vorbild (eigenes Gesundheitsverhalten, Umgang mit Stress)
  • Modul 6: Ich im Gleichgewicht (sich selbst gesund führen)

Feedbackgeber, nicht Kontrolleur

Führungskräfte sind also doppelt gefordert: Sie sind nicht nur für das Fachliche und die Arbeitsbedingungen zuständig, sondern auch für die Gesundheit und Motivation der Mitarbeiter. "Führungskräfte sind heute mehr Feedbackgeber und Coach als Kontrolleure", so AOK-Expertin Spanke. Eine gute Feedback-Kultur heißt auch, konstruktiv Kritik zu üben, und nicht, den Mitarbeiter abzuwerten oder gar vor versammelter Mannschaft zu demütigen.
Vor allem in Zeiten der Digitalisierung ist partnerschaftliches Führen immer mehr gefragt, weil es oft weniger Hierarchien gibt, aber dafür mehr Projekt- und Teamarbeit. In vernetzten Arbeitswelten wird die Führungskraft immer mehr zum Coach. "Statt um Autorität und Kontrolle geht es heute immer mehr darum, die Mitarbeitenden zu begleiten, zu inspirieren und ihnen Sinn zu vermitteln", sagt Psychologin Spanke. Die Führungskraft hat die Aufgabe, den Rahmen dafür zu schaffen, dass alle im Team gut zusammenarbeiten können - oft auch über Ländergrenzen hinweg. In diesen Arbeitswelten müssen Führungskräfte außerdem kompetent mit neuen Kommunikationstechniken umgehen können. Gerade für ältere Manager bedeutet das, Vorbehalte gegen neue Technologien abzubauen und sich mit den digitalen Möglichkeiten vertraut zu machen.
Gleich in welcher Arbeitswelt: Führungskräfte sollten die Bedürfnisse ihrer Mitarbeiter berücksichtigen und sie in Entscheidungen einbeziehen, sonst sind Widerstände und Reibungsverluste zu erwarten. "Beschäftigte sind zufriedener, wenn sie Einfluss auf die eigene Arbeit nehmen können", betont Spanke.


Im Einzelnen bedeutet gesunde Führung:

  • Die richtigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind mit den richtigen Arbeitsaufgaben betraut. Stärken und Vorlieben werden berücksichtigt.
  • Beschäftigte haben die Möglichkeit, sich persönlich und beruflich weiterzuentwickeln. Dazu gehören Weiterbildungs- und Aufstiegsmöglichkeiten.
  • Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter spüren, dass ihr Chef oder ihre Chefin ihnen vertraut. Sie können ihre Arbeitsabläufe autonom gestalten.
  • Freundlichkeit und Respekt gehören zum normalen Umgangston. Die Mitarbeitenden fühlen sich wahrgenommen und erfahren Anerkennung. Führungskräfte sollten immer wieder ein - ernst gemeintes! - Lob aussprechen, und das nicht nur bei außergewöhnlichen Leistungen, sondern auch, wenn jemand zuverlässig seine Routineaufgaben erledigt.
  • Die Führungsperson ist ansprechbar und gut erreichbar.
  • Konflikte werden offen angesprochen und fair ausgehandelt.
  • Bei Fehlern geht es nicht darum, einen "Schuldigen" auszumachen, sondern darum, was das Team daraus lernen kann.
  • Die Führungskraft zeigt echtes Interesse an der Person des Beschäftigten.

Davon profitieren auch die Chefs: So haben gut informierte Mitarbeiter weniger Angst vor Veränderungen, können ihre Potenziale entfalten, denken mit, verhalten sich kollegial im Team, sind engagiert - und entlasten damit auch ihre Führungskraft.
Dabei setzen gesunde Mitarbeiter einen gesunden Chef voraus. Doch gerade Führungskräfte sind speziellen Belastungen ausgesetzt. So müssen sie sowohl der Unternehmensleitung als auch ihren Mitarbeitern gerecht werden. Sie sollten beispielsweise immer ein offenes Ohr für ihre Mitarbeiter haben, aber auch für genügend Distanz sorgen. Sie müssen eine gewisse Autorität ausstrahlen und gleichzeitig eigene Unsicherheiten offen thematisieren. Gerade Führungskräfte arbeiten oft sehr viel und verlangen viel von sich selbst. Doch als Vorbild für ihre Mitarbeiter sollten sie sich bemühen, Dauerstress vorzubeugen und einen gesunden Lebensstil vorzuleben: ihr Privatleben pflegen, Entspannungstechniken erlernen, sich viel bewegen, ausreichend schlafen und richtig Pausen machen. Kurz: sich selbst gesund führen. Führungskräftetrainings, Einzelcoaching oder Supervisionen können sie dabei unterstützen, diesen ständigen Balanceakt zu bewältigen.

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