Beruf und Familie: Was flexible Arbeitszeitmodelle leisten können

Ein Gewinn für Beschäftigte und Unternehmen

10.12.18 (ams). Männer wie Frauen sind heutzutage berufstätig. Was aber, wenn Kinder oder pflegebedürftige Angehörige versorgt werden müssen? Was können Unternehmen anbieten, damit ihre Beschäftigten Beruf und Familienaufgaben besser miteinander vereinbaren können? Flexible Arbeitszeitmodelle erhöhen die Motivation der Beschäftigten, verringern Fehlzeiten und binden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an das Unternehmen.
Mit der Geburt seiner Tochter hat Oliver K. (Name geändert) seine Arbeitszeit reduziert. Der Techniker in einer mittelständischen Firma für Maschinenbau arbeitet nun 32 Stunden die Woche und hat einen freien Tag in der Woche: den Mittwoch. Das ist der Tag, an dem seine Frau einen langen Tag an der Hochschule hat. „Der freie Tag erlaubt es mir, Zeit für meine Tochter zu haben. Ich kann auch die Einkäufe erledigen oder mit ihr zum Arzt gehen“, sagt er. So teilen sich seine Frau und er Haushalt und Erziehungsarbeit.
Wie Oliver K. möchten oder müssen die meisten Menschen Beruf und Kinder unter einen Hut bekommen. So geben - laut der von der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung gegründeten berufundfamilie Service GmbH - 79 Prozent der Väter an, dass sie mehr Zeit für die Familie haben möchten. "Die meisten Unternehmen haben inzwischen erkannt, dass sie in Zeiten des Fachkräftemangels ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nur halten, wenn sie mit Familienfreundlichkeit punkten können", sagt Diplom-Psychologin Patricia Lück, Referentin für Betriebliche Gesundheitsförderung beim AOK-Bundesverband. Es geht vor allem darum, mehr Optionen für die Arbeits- und Lebensgestaltung zu schaffen. "Gleitende oder flexible Arbeitszeiten ermöglichen Eltern zum Beispiel, ihre Arbeitszeit mit den Öffnungszeiten der Kita zu koordinieren", sagt AOK-Expertin Lück. Eventuell können Mutter und Vater sogar so zeitversetzt arbeiten, dass beide gleichermaßen Kinderbetreuung und Haushalt übernehmen können.

Gewinnt an Bedeutung: vollzeitnahe Teilzeit

Dabei gewinnt die sogenannte vollzeitnahe Teilzeit an Bedeutung: Die Beschäftigten arbeiten nicht wie bei der klassischen Teilzeit 20 Stunden, aufgeteilt auf ein paar Stunden am Vormittag, sondern 30 bis 35 Stunden, wenn gewünscht kombiniert mit flexibler Tages- und Wochenarbeitszeit. Dabei kann eine Vier-Tage-Woche wie bei Oliver K. herauskommen, mit einem freien Tag in der Woche. Oder zum Beispiel alle zwei Wochen ein verlängertes Wochenende, damit mehr Zeit ist für die Familienbelange. "Letztlich ist es das Ziel, möglichst viele individuelle Lösungen zu schaffen“, so Lück. Gerade die Digitalisierung bietet die Chance, dass Beschäftigte sich Arbeitszeit und -ort so einrichten, wie es am besten passt. Stichworte: Home-Office und mobiles Arbeiten. In Befragungen im Rahmen des Unternehmensprogramms "Erfolgsfaktor Familie" des Bundesfamilienministeriums gaben 40 Prozent der Väter an, dass sie dank der Möglichkeit, zu Hause zu arbeiten, ihre Partnerin entlasten können. Insgesamt erleben 93 Prozent, dass sie Familie und Beruf durch Home-Office besser vereinbaren können. "Die Befürchtung, dass Beschäftigte mobile Arbeitsformen ausnutzen, um nicht oder weniger zu arbeiten, hat sich als unbegründet herausgestellt“, sagt Lück. "Im Gegenteil. Beschäftigte neigen dazu, zu Hause eher mehr zu arbeiten." Zum einen, um das vermeintliche Manko der Heimarbeit auszugleichen. Aber auch, weil beispielsweise Ablenkungen durch Kollegen wegfallen. Klare Absprachen, was Erreichbarkeit, Arbeitsinhalte und Arbeitszeitnachweise angeht, sind allerdings erforderlich, damit mobile Arbeitsformen funktionieren. Letztlich geht es um einen Kulturwandel: weg von der Präsenzkultur, in der allein die Anwesenheit im Büro zählt. Ein solcher Kulturwandel muss von den Führungskräften unterstützt und vorgelebt werden. "Nur wenn die Vorgesetzten zum Beispiel Home-Office selbst in Anspruch nehmen und das auch bei ihren Mitarbeitenden fördern, wirkt Familienfreundlichkeit glaubwürdig", sagt Psychologin Lück. Vollzeitnahe Teilzeit von 30 bis 35 Stunden erlaubt auch Führungskräften die Vereinbarkeit von Führung und Familie. Auch Jobsharing oder im Falle einer Führungsposition sogenannte Doppelspitzen ermöglichen Führungskräften und Beschäftigten, für einen befristeten Zeitraum mehrere Anforderungen unter einen Hut zu bekommen. Neben Kindern können das auch pflegebedürftige Angehörige sein, die für einen gewissen Zeitraum mehr Zuwendung und Unterstützung benötigen.

AOK-Familienstudie 2018

Familie, Beruf und Alltag unter einen Hut zu bekommen, ist stressig: Rund ein Viertel aller Eltern in Deutschland fühlt sich psychisch stark belastet - Mütter mit 30 Prozent deutlich mehr als Väter (21 Prozent). Dabei spielt Zeitmangel eine wesentliche Rolle; für Alleinerziehende noch stärker als für Eltern, die als Paar ihre Kinder erziehen. Das ist ein Ergebnis der AOK-Familienstudie 2018. Seit 2007 lässt der AOK-Bundesverband regelmäßig untersuchen, wie es um die Gesundheit von Eltern und Kindern hierzulande bestellt ist. Für die inzwischen vierte Familienstudie der AOK hat das IGES Institut unter der wissenschaftlichen Begleitung von Professor Jutta Mata und Professor Dr. Klaus Hurrelmann insgesamt 4.896 Eltern befragt. Sie alle hatten mindestens ein Kind im Alter von vier bis 14 Jahren.

Schließlich werden die meisten der 2,5 Millionen Pflegebedürftigen in Deutschland durch pflegende Angehörige versorgt. Mit der Familienpflegezeit ist per Gesetz möglich geworden, dass Arbeitnehmer ihre Arbeitszeit über einen Zeitraum von bis zu zwei Jahren reduzieren können, das Gehalt aber nur halb so stark gekürzt wird wie die Arbeitszeit. Mit Wiederaufnahme der Vollzeitbeschäftigung läuft dieses Gehalt weiter, bis das Zeitwertkonto wieder ausgeglichen ist. Doch zu einer pflegesensiblen Kultur im Unternehmen gehört mehr: "Das Pflegethema sollte offen kommuniziert werden, zum Beispiel indem Vorträge oder Inhouse-Seminare zu Pflegefinanzierung, Demenz oder Vollmachten angeboten werden", sagt Lück. Eine persönliche Beratung und Hilfe bei der Suche nach einem passenden Pflegearrangement kann die Beschäftigten dabei unterstützen, bei einem plötzlichen Pflegefall schneller Lösungen zu finden. Rahmenvereinbarungen mit Pflegedienstleistern - etwa Belegplätze in einer Tageseinrichtung für Demenzkranke – können dieses Angebot ergänzen. Ob Teilzeit, Gleitzeit, Eltern- oder Pflegezeit, Home-Office, Arbeitszeitkonten oder betriebliche Kinderbetreuung: Für die Unternehmen ist die Vereinbarkeit von Beruf und Familie mehr als soziales Engagement. "Unternehmen, die ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in verschiedenen Lebensphasen flexible Möglichkeiten anbieten, erhöhen die Motivation, verringern Fehlzeiten und die Fluktuationsrate und binden ihre Mitarbeiter an das Unternehmen“, sagt Lück. Flexible Modelle, die sich an die jeweilige Lebensphase anpassen, sind also ein echter Gewinn für Beschäftigte und Unternehmen.

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