Wenn Kinder und Jugendliche ihre Eltern pflegen

Junge Kümmerer

Foto eines Jugendlichen, der mit seiner Mutter am Tisch sitzt, den Arm um sie Legt und ihr Tabletten reicht

05.12.19. (ams). Die meisten Kinder kommen nach der Schule nach Hause, machen Hausaufgaben, spielen Fußball oder treffen ihre Freunde. Doch es gibt Kinder, die nur wenig Zeit für sich haben. Denn sie kümmern sich um die Pflege ihrer Eltern oder Geschwister. Laut dem Bundesministerium für Gesundheit pflegen in Deutschland etwa 225.000 Kinder von fünf bis 18 Jahren ihre Angehörigen.

Lana Rebhan aus Unterfranken ist eine dieser Jugendlichen. Die 14-Jährige pflegt ihren schwerkranken Vater Jürgen Rebhan. In einem Online-Artikel schreibt sie, dass ihr Vater unter Zystennieren leidet, eine Krankheit, die die Nierenfunktionen erheblich einschränkt. Während Lanas Mutter arbeitet, kümmert die Tochter sich nach der Schule um ihren Vater und den Haushalt. Sie gibt ihm Medikamente, kocht Tee und Essen. Außerdem putzt sie, macht die Wäsche oder bügelt. Um anderen Kindern in ähnlichen Situationen Mut zu machen, hat Lana das Portal Young Carers gegründet, auf dem sich Betroffene austauschen können. 2019 wurde Lana dafür bei der Aktion "Helden des Alltags" mit dem ersten Platz ausgezeichnet.

Woran die Angehörigen leiden

Silvia Krüger, Leiterin der Pflegeberatung der AOK Nordost hat häufig Kontakt mit Kindern wie Lana. "Es gibt viele Kinder und Jugendliche in Deutschland, die ihre pflegebedürftigen Eltern sowohl bei häuslichen Aufgaben, als auch ganz selbstverständlich bei der Grundpflege unterstützen", sagt Krüger. Sie ziehen ihre Mütter, Väter oder Geschwister an und aus, versorgen sie mit Essen oder unterstützen bei der Körperpflege, inklusive der Intimpflege.

Es gibt viele Gründe, warum Angehörige schon in jüngeren Jahren pflegebedürftig werden. Laut dem 2004 erschienenen Young Carers Report leiden die Hälfte aller Pflegebedürftigen an körperlichen Krankheiten wie Multiple Sklerose, Krebs, Parkinson oder anderen chronischen Erkrankungen. Rund ein Drittel haben psychische Gesundheitsprobleme wie beispielsweise Suchterkrankungen, bipolare Störungen oder Depressionen.

Unterstützungsangebote

  • Das Onlineportal "Pausentaste" vom Bundesfamilienministerium
  • Das Kinder- und Jugendtelefon, die "NummergegenKummer", anonym und kostenlos erreichbar unter 116111 – montags bis samstags zwischen 14 bis 20 Uhr
  • Die anonyme Onlineberatung "Echt unersetzlich" für Jugendliche in Berlin

Angst, Scham, Erschöpfung

Pflegeberaterin Krüger schätzt die Situation der pflegenden Kinder und Jugendlichen vor allem dann kritisch ein, wenn diese durch die Pflege oft müde und unkonzentriert sind. Sie erzählt, dass die Kinder dann häufig in der Schule fehlen, keine Zeit für Hobbys haben oder ihre Hausaufgaben nicht machen. Einige fühlen sich außerdem einsam, traurig, haben Angst und Scham oder sind einfach geistig erschöpft. Neben den psychischen Leiden haben diese Kinder und Jugendliche auch oft Schmerzen, da sie sich überdurchschnittlich körperlich belasten. Häufig sehen die betroffenen Eltern die Probleme ihrer Kinder jedoch nicht und nehmen deren Unterstützung aufgrund der eigenen Belastungssituation als normal wahr. Doch auch das Umfeld außerhalb der Familie weiß oft nichts über die Belastung, Ängste und Sorgen der jungen Pflegenden und reagiert mit Unverständnis. Umso wichtiger ist daher, eine gegenseitige Offenheit im Umgang mit der Situation. Nur wenn Lehrerinnen, Lehrer, Nachbarn und Freundinnen Bescheid wissen, können sie Verständnis zeigen oder unterstützen.

Innerer Zwiespalt

"Für junge Pflegende ist die Situation besonders schwierig. Sie stecken oft in einem inneren Zwiespalt. Einerseits sind sie Kind und damit Schutzbefohlene ihrer Eltern und andererseits haben sie die volle Verantwortung für die Pflege der Eltern", sagt Silvia Krüger. "Wenn die jungen Menschen damit überlastet sind, kann eine psychologische Beratung weiterhelfen." Allerdings werden Anlaufstellen, wie das Jugendamt, mitunter nicht als Partner gesehen. Vielmehr befürchten viele Betroffene, dass ihre Familie auseinandergerissen werden könnte. Eine mögliche Anlaufstelle ist die AOK, die Versicherte bei der Suche nach passenden Entlastungsangeboten unterstützt. Neben den vielen Herausforderungen und Belastungen, die mit der Pflege der Eltern einhergehen, können Kinder und Jugendliche aus den schwierigen Situationen auch etwas Positives mitnehmen. "Junge Pflegende sind oftmals sehr hilfsbereit und empathisch gegenüber anderen und haben häufig ein hohes krankheitsbezogenes Wissen", sagt AOK-Expertin Krüger. "Auch das Verantwortungsbewusstsein ist ausgeprägter als bei Gleichaltrigen."
 

Zum ams-Thema 01/19