Krebs-Früherkennung: Versicherte werden zu wenig über Nutzen und Nachteile aufgeklärt

Versichertenbefragung für Versorgungs-Report des WIdO zeigt Defizite bei informierter Entscheidung

Foto: Podium (v.l.: Kai Behrens, Prof. Dr. Norbert Schmacke, Christian Günster

v.l.: Kai Behrens, Prof. Dr. Norbert Schmacke, Christian Günster

(11.03.19) Teilnehmer von Krebs-Früherkennungsuntersuchungen werden zu selten oder nicht umfassend genug über den Nutzen, aber auch über mögliche Nachteile der Untersuchungen aufgeklärt. Das zeigt eine repräsentative Befragung von mehr als 2.000 gesetzlich Versicherten für den „Versorgungs-Report Früherkennung“ des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO). Nur etwa 55 Prozent der teilnehmenden Frauen wurden nach eigenen Angaben über die Vorteile der Früherkennung von Gebärmutterhalskrebs informiert. Noch geringer war mit 25 Prozent der Anteil der Frauen, die Informationen über mögliche Nachteile der Untersuchung wie falsch positive Befunde erhielten. Ein ähnliches Bild zeigte sich bei Darmkrebs-Vorsorge: Die Information über die Nachteile der Darmspiegelung (36 Prozent) erfolgt wesentlich seltener als die Aufklärung über den Nutzen der Untersuchung (75 Prozent). Nur bei der Brustkrebs-Früherkennung war das Verhältnis ausgewogen: Jeweils etwa die Hälfte der teilnehmenden Frauen berichtete, dass sie über Nutzen beziehungsweise Nachteile aufgeklärt worden seien.

Schmacke: Ärzte dürfen Bedenken der Patienten nicht wegwischen

"Die Befragungsergebnisse zeigen, dass die Voraussetzungen für eine informierte Entscheidung der Versicherten oft fehlen", sagt Professor Norbert Schmacke, Mitherausgeber des Reports. Dabei habe der Nationale Krebsplan schon 2010 das Ziel formuliert, die Versicherten zu einer Entscheidung unter Berücksichtigung aller Vor- und Nachteile zu befähigen. "Ärzte dürfen Fragen oder Bedenken ihrer Patienten, zum Beispiel zu möglichen Fehlalarmen durch falsche Befunde, nicht einfach wegwischen."

Die Befragung zeigt, dass sich die Versicherten vor allem per Internet über das Thema Früherkennung informieren. Dies geben 51 Prozent der Frauen und 47 Prozent der Männer an. Eine fast ebenso große Rolle spielt der Hausarzt: 40 Prozent der befragten Frauen und 50 Prozent der Männer nennen ihn als Informationsquelle. "Bei der Förderung der informierten Entscheidung sind die Ärztinnen und Ärzte besonders gefragt", sagt Martin Litsch, Vorstandsvorsitzender des AOK-Bundesverbandes. "Sie sollten sich noch stärker als bisher mit dem Nutzen, aber auch den möglichen Risiken und Nachteilen der Früherkennung auseinandersetzen und diese ihren Patienten vermitteln." Auch die AOK wolle ihren Beitrag zur Verbreitung von entsprechenden Aufklärungsmaterialien leisten, die zum Beispiel vom Gemeinsamen Bundesausschuss bereitgestellt werden.

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Jeder fünfte Versicherte ab 60 nicht vom Darmkrebs-Screening erreicht

Neben Defiziten bei der Aufklärung macht der „Versorgungs-Report Früherkennung“ auch transparent, wie viele AOK-Versicherte die Früherkennungs-Untersuchungen wirklich regelmäßig in Anspruch nehmen. Üblicherweise werden nur jahresbezogene Teilnehmerraten ausgewertet, die bei Früherkennungs-Untersuchungen mit größeren Zeitintervallen wenig aussagekräftig sind. Die neuen Langzeit-Auswertungen auf Basis der AOK-Abrechnungsdaten zeigen insgesamt recht hohe Teilnahmeraten. So nahmen 78 Prozent der Versicherten über 60 zwischen 2007 und 2016 entweder den Stuhltest, die Darmspiegelung (Koloskopie) oder die Beratung zur Darmkrebs-Früherkennung in Anspruch. „Das heißt im Umkehrschluss aber auch, dass jeder Fünfte ältere Anspruchsberechtigte im Zeitraum von zehn Jahren überhaupt nicht vom Darmkrebs-Screening erreicht wurde“, sagt Christian Günster, Leiter des Bereichs Qualitäts- und Versorgungsforschung beim WIdO. An der Früherkennung von Gebärmutterhalskrebs nahmen im gleichen Zeitraum 85 Prozent der anspruchsberechtigten Frauen zwischen 30 und 49 Jahren regelmäßig teil. 15 Prozent ließen die Untersuchung dagegen nur selten (in einem oder zwei der zehn Jahre) oder gar nicht durchführen.

Grundsätzliche Ablehnung bei Mammografie höher als bei anderen Untersuchungen

Bei der Brustkrebs-Früherkennung per Mammografie wurden die Zeiträume von 2007 bis 2009 und 2014 bis 2016 verglichen, um ein realistisches Bild der Teilnahme im Zeitverlauf zu zeichnen. In diesem Zeitraum stieg der Anteil der Frauen, die eine Mammografie erhielten, um fünf Prozentpunkte auf 61 Prozent an. Gleichzeitig belegt die Auswertung, dass 22 Prozent der anspruchsberechtigten Frauen von 60 bis 69 Jahren zwischen 2007 und 2016 gar nicht an der Mammografie teilnahmen. "Die Versichertenbefragung zeigt, dass dies oft mit grundsätzlicher Ablehnung zu tun hat – öfter als bei den anderen betrachteten Untersuchungen", erläutert Christian Günster. So gibt jede fünfte Frau, die nach eigenen Angaben nicht zur Mammografie gegangen ist, grundsätzliche Ablehnung als Grund an. Im Falle der Früherkennung von Gebärmutterhalskrebs spielt Ablehnung dagegen nur bei sechs Prozent der Nicht-Teilnehmerinnen eine Rolle, im Falle der Darmkrebs-Vorsorge nur bei fünf Prozent der Nicht-Teilnehmer. Bei diesen beiden Untersuchungen nennen die Befragten sehr viel häufiger die Beschwerdefreiheit als Begründung für die Nicht-Teilnahme (45 Prozent bei Gebärmutterhalskrebs und 44 Prozent bei Darmkrebs), während diese Begründung bei der Mammografie deutlich seltener gegeben wird. "Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Informationen rund um das Mammografie-Screening zu einer bewussteren Auseinandersetzung und Entscheidung der Frauen führen", so Günster.

AOK begrüßt neues Einladungswesen zu Gebärmutterhalskrebs und Darmkrebs

AOK Vorstand Martin Litsch begrüßt in diesem Zusammenhang die Einführung eines organisierten Einladungswesens für die Darmkrebs-Vorsorge ab Juli 2019 und für die Früherkennung von Gebärmutterhalskrebs ab 2020. "So werden alle Männer und Frauen im entsprechenden Alter mit dem Thema konfrontiert und erhalten auch eine schriftliche Information zur Abwägung der Vor- und Nachteile", betont Litsch. Sowohl den Nutzen als auch mögliche Nachteile der Früherkennung in der Kommunikation angemessen zur berücksichtigen, sei "eine echte Herausforderung, und hier müssen auch wir Krankenkassen besser werden".

Als Vorbild für eine gute Patienteninformation nennt Professor Norbert Schmacke die Entscheidungshilfe des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) zur Mammografie: "Sie hat das Pro und Contra auf dem Boden vorhandener Studien mit modernen Kommunikationsmethoden aufgearbeitet", so Schmacke. Er betont, dass bei Früherkennungs-Untersuchungen kein unmittelbarer Zeitdruck bestehe: "Ratsuchende sollten sich Zeit lassen und in Ruhe entscheiden, wenn sie sich unsicher sind, ob ihnen eine Untersuchung nutzt."

Versorgungs-Report beleuchtet Früherkennung aus verschiedenen Perspektiven

Der "Versorgungs-Report Früherkennung" steht auf der neu gestalteten Homepage des Wissenschaftlichen Instituts der AOK unter www.wido.de zum freien Download zur Verfügung. Neben den Ergebnissen der Versichertenbefragung und den Auswertungen zur Inanspruchnahme der Früherkennungs-Untersuchungen umfasst der Report weitere Beiträge zu Prinzipien und Methoden sowie zur Evidenzlage verschiedener Früherkennungsuntersuchungen. Weitere Themen sind die Anforderungen an evidenzbasierte Entscheidungshilfen für Patienten sowie die Diskussion um den Nutzen und die Risiken des Mammografie-Screenings. Ein Daten- und Analyseteil beleuchtet die Diagnosehäufigkeit von Erkrankungen und die Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen in den vier ausgabenwirksamsten Sektoren des deutschen Gesundheitswesens.

(Pressemitteilung des AOK-Bundesverbandes und des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) vom 11.03.19)

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