Studie belegt Überlebensvorteile für Krebspatienten bei Behandlung in zertifizierten Zentren

Geringere Sterblichkeit für acht onkologische Erkrankungen nachgewiesen / Vorstellung der Ergebnisse im Online-Symposium

Foto des Podiums: (v.l.) Markus Algermissen, Dr. Gerald Gaß, Prof. Dr. med. Monika Klinkhammer-Schalke, Dr. Carola Reimann, Hedy Kerek-Bodden, Prof. Josef Hecken

v.l.: Markus Algermissen, Dr. Gerald Gaß, Prof. Dr. Monika Klinkhammer-Schalke,
Dr. Carola Reimann, Hedy Kerek-Bodden, Prof. Josef Hecken

(26.04.22) Eine groß angelegte Studie auf Basis von bundesweiten AOK-Abrechnungsdaten und Daten aus vier regionalen klinischen Krebsregistern zeigt einen Überlebensvorteil für Patientinnen und Patienten mit Krebs, die in zertifizierten Zentren behandelt werden. Ihre Sterblichkeitsrate lag bei allen acht untersuchten Krebserkrankungen niedriger als bei Patientinnen und Patienten in Krankenhäusern, die nicht von der Deutschen Krebsgesellschaft (DKG) zertifiziert waren. Die Daten sind in den vergangenen drei Jahren im Rahmen des Innovationsfonds-Projektes „Wirksamkeit der Versorgung in onkologischen Zentren“ (WiZen) ausgewertet worden und werden heute im Rahmen eines Symposiums der beteiligten Partner in Berlin der Öffentlichkeit vorgestellt.

Besonders groß war laut der Analyse der Krebsregister-Daten der Überlebensvorteil durch die Zentrenbehandlung bei Gebärmutterhalskrebs (minus 25,9 Prozent Sterblichkeit), neuroonkologischen Tumoren (minus 15,8 Prozent), Lungenkrebs (minus 15,0 Prozent) und Brustkrebs (minus 11,7 Prozent). Positive Effekte mit statistischer Signifikanz zeigten sich weiterhin für das kolorektale Karzinom, Kopf-Hals-Tumore, Prostatakrebs und die Gruppe der gynäkologischen Tumore. Die niedrigere Sterblichkeit in den zertifizierten Zentren war sowohl in den Krebsregister-Daten als auch in den Krankenkassendaten erkennbar. „Unsere Ergebnisse stützen über verschiedene Krebsarten hinweg die Hypothese, dass Patientinnen und Patienten in DKG-zertifizierten Kliniken bessere Überlebenschancen haben als in nicht zertifizierten Krankenhäusern“, sagt Prof. Dr. med. Jochen Schmitt, Direktor des federführenden Zentrums für Evidenzbasierte Gesundheitsversorgung (ZEGV) des Universitätsklinikums Carl Gustav Carus Dresden und der Medizinischen Fakultät der TU Dresden. „Durch die risikoadjustierte Analyse einer bundesweiten Kohorte und durch den Vergleich der Kassendaten mit den Krebsregister-Daten stärken wir die Evidenz für den Nutzen der Zentrumsbehandlung. Zudem liefern wir mit unserem Projekt eine Blaupause für ein zukünftiges Monitoring der onkologischen Versorgung in Deutschland“, so Schmitt.

Vor allem Patienten mit niedrigeren Tumorstadien profitieren

Die Ergebnisse der WiZen-Studie zeigen, dass Patientinnen und Patienten mit den niedrigeren Tumorstadien I bis III stärker von der Zentrumsbehandlung profitierten als Patienten mit dem fortgeschrittenen Stadium IV. „Die positiven Effekte der Zertifizierung sind unter anderem dadurch zu erklären, dass die Patientinnen und Patienten in den zertifizierten Zentren auf inter- und multidisziplinäre Behandlungsteams treffen, die häufiger leitliniengerecht behandeln und auf eine bessere Prozess- und Strukturqualität zurückgreifen können“, betont Prof. Dr. med. Monika Klinkhammer-Schalke, Vorstandsvorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Tumorzentren e. V. „Für den Erfolg der zertifizierten Zentren dürfte zum Beispiel der Einsatz von Tumorboards eine große Rolle spielen, die das diagnostische und therapeutische Vorgehen bei Patienten mit malignen Tumoren gemeinsam besprechen und die weitere Behandlung planen“, so Klinkhammer-Schalke.

Unterschiede beim Anteil der Zentrumsbehandlungen je nach Krebsart

Die Auswertung der WiZen-Daten hat ergeben, dass größere Kliniken tendenziell eher zertifiziert werden als kleinere. Hinsichtlich der Patientenmerkmale wie Alter und Geschlechtsstruktur sind keine relevanten Unterschiede zwischen zertifizierten und nicht zertifizierten Krankenhäusern zu erkennen. Bei allen Krebserkrankungen ist im Beobachtungszeitraum von 2009 bis 2017 ein Anstieg des Anteils der in DKG-zertifizierten Zentren behandelten Patientinnen und Patienten zu erkennen – allerdings mit großen Unterschieden zwischen den verschiedenen Krebsarten: So lag der Anteil der Zentrumsbehandlungen laut den Studiendaten bei Patientinnen und Patienten mit Brustkrebs im Jahr 2017 mit 68 Prozent am höchsten und beim Bauchspeicheldrüsenkrebs mit 24 Prozent am niedrigsten. „Hier gibt es noch deutliches Optimierungspotenzial, das in der anstehenden Reform der Krankenhauslandschaft zügig aufgegriffen werden sollte“, fordert die Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbandes, Dr. Carola Reimann. „Noch immer werden viel zu viele Patientinnen und Patienten mit Krebs außerhalb der spezialisierten Zentren behandelt. Gerade in diesem sensiblen Bereich der medizinischen Versorgung brauchen wir noch mehr Spezialisierung und Konzentration von Leistungen“, so Reimann. Mit den WiZen-Ergebnissen könne man nun klar belegen, dass die Zertifizierung der Deutschen Krebsgesellschaft ein Erfolgsmodell ist, das nachweislich zu einer besseren Behandlung führe und Patientenleben retten könne.    

Daten für eine Million Behandlungsfälle ausgewertet

Die WiZen-Auswertungen basieren auf AOK-Abrechnungsdaten und Daten der vier klinischen Krebsregister Regensburg, Dresden, Erfurt und Berlin-Brandenburg für rund eine Million Behandlungsfälle. Das Projekt ist vom Zentrum für evidenzbasierte Gesundheitsversorgung (ZEGV) an der Medizinischen Fakultät der TU Dresden, der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Tumorzentren e. V. (ADT), dem Wissenschaftlichen Institut der AOK (WIdO), dem Institut für Qualitätssicherung und Versorgungsforschung der Universität Regensburg sowie vom Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen (NCT/UCC) Dresden durchgeführt worden. Es wurde vom Innovationsfonds beim Gemeinsamen Bundesausschusses über drei Jahre mit insgesamt 1,6 Millionen Euro gefördert (Förderkennzeichen: 01VSF17020).

(Gemeinsame Pressemitteilung des AOK-Bundesverbandes, der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Tumorzentren e. V. und des Zentrums für Evidenzbasierte Gesundheitsversorgung des Universitätsklinikums Carl Gustav Carus Dresden und der Medizinischen Fakultät der TU Dresden vom 26.04.22)